Mediengeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (11)
Film (II)
Technikentwicklung - eine Arbeit von Jahrhunderten:
- Camera obscura und Sammellinse: Giambattista della Porta, um 1600
- Sammellinse und Schattenbild: Athanasius Kircher, 17. Jh.
- Verbindung Lochkamera u. Sammellinse zur Laterna magica, Ende des 17. Jhs.
- Verbindung der Laterna magica und des sog. „Lebensrades" im 19.Jh.
- Lebensrad, Fotografie und perforierter Zelluloidstreifen Ende des 19. Jhs.
Ein Massenmedium des 19. Jahrhunderts: Das Panorama
London from the Roof of the Albion Mills- Rotunden, die einen Rundblick von 360 Grad ermöglichen (England 1791, Frankreich 1799)
- Durchmesser bis 40m; Besucherempore für den Betrachter
- Zentraler Point of view: der Beobachter dreht sich um seine Achse; perspektivischer Blick auf Landschaften, urbane Szenerien, Architekturen etc.; Erweiterung der Zentralperpektive der Renaissance zur panoramatischen Inszenierung
- Perspektivik des Feldherrn: Überblick über große Räume, "Beherrschung" des Sichtfeldes durch visuelle Extension, Omnipotenz-Suggestion
- Medienhistorisch: eine Antizipation des filmischen Kameraschwenks
- Medienwirtschaft: Kapitalgesellschaften zur Verbreitung und Vermarktung des Panoramas
- Medienevolution: "Lichtregie", kombiniert mit Bewegungseffekten und Musik: die Erweiterung des Panoramas zum Diorama
Eine Berliner Besonderheit:
Das Kaiserpanoramabasierend auf dem Prinzip der Stereoskopie
Eadweard Muybridge
nimmt 1878 erstmals Reihenfotos von einem Pferd in Bewegung auf: 16 (später 24) Fotokameras in präzis berechneten Abständen; die Aufnahme wird durch einen Faden vom galoppierenden Pferd ausgelöst
„Zoopraxiskop" als Projektionsgerät
Bewusstseins-, Wissenschafts- und Wahrnehmungsgeschichte
- vom magisch/wissenschaftlichen Weltbild zu den exakten Wissenschaften, schließlich zum naturwissenschaftlichen Weltbild des 19. Jhs.
- Obsession für die genaue, detaillierte Beobachtung: „Bewegungsstudien", Zerlegung eines Ganzen in seine Phasen, die Analyse eines Vorgangs
- ein sozialpsychologisch neuer Typus: der sezierende Beobachter, seine Distanz zum Objekt, seine „passive" Neugier, die „Kälte" des Blicks
- wahrnehmungspsychologisch: der Blick richtet sich auf die Empirie, die Oberfläche der Erscheinungen, auf die unablässig in Bewegung befindliche Vielfalt der Umwelt
Ein frühes literarisches Beispiel für die Veränderung der Wahrnehmungsweise:E.Th.A. Hoffmann: "Des Vetters Eckfenster", 1822
Götz Großklaus:
"Die vor-photographische Wahrnehmung bei E.T.A. Hoffmann muß das Auge noch trainieren, um in der ‘dicht zusammengedrängten Volksmasse’ zur Fixierung des Blicks zu kommen; jedoch bleibt diese Fixierung räumlich wie zeitlich an die Bewegung der Objekte und an den Fluß der Zeit gebunden."
G. Großklaus: Wirklichkeit als visuelle Chiffre. In: Harro Segeberg (Hrsg.)
Die Mobilisierung des Sehens, München 1996
Joachim Paech:
„Im poetischen Realismus sind Stilmomente und Schreibweisen feststellbar, die nach dem Auftreten des Films ‘filmisch’ genannt werden können. Zwar gehört der Film noch nicht zur Umwelt und Erfahrungsrealität dieser Literatur, dennoch sind ihre Stilmittel und Schreibweisen offenbar auf eine Realität bezogen, der sich ebenfalls der Film verdankt und die schließlich adäquat wiederzugeben ‘allein der Film perfekt leisten kann’ (Mitry)."Joachim Paech: 'Filmisches Schreiben' im Poetischen Realismus. In: Segeberg, s.o.)
Die Parameter der Epoche- Zeitökonomie: Beschleunigung
- Ökologie: "Industrielandschaft"
- Soziale Struktur: Produktionskapital und abhängige Lohnarbeit
- Sozialpsychologie: wachsende Entfremdung des Individuums
Am Beispiel Max Skladanowsky:Vom Schaustellergewerbe zum modernen Massenmedium
- Mechanisierung des Gewerbes (Maschinentheater)
- Urbanisierung: Konkurrenz durch die Show-Industrie - Revuen, Variete-Vorstellungen, internationale Artisten
- Kinematographie als Antwort auf die Bühnentechnik: die „lebenden Bilder" als Produkt fortgeschrittener Entwicklungen in der optischen Industrie
- die Bastler werden sehr bald enteignet: Firmen, später Konzerne beuten ihre Erfindungen aus, Übergang zur seriellen Produktion
- serielle Produktion als Bedingung für Massenproduktion
Siegfried Zielinski (Audiovisionen, S. 79/80):
Darauf kommt es in der Perspektive einer Technik und Kultur intergrierenden Geschichtsschreibung an: Kino als historisch besondere Form audiovisueller Praxis begann nicht mit den Vorführungen des Kinematographen Lumiėres. Nicht in der Invention des Films oder der kinematographischen Geräte, sondern im Entstehungsprozeß Kino reflektieren sich der Aufstieg und das Anwachsen der Klasse der Fabrikarbeiter und der neuen Unterschichten in den urbanen Ballungsgebieten. Deren Restzeitbedürfnisse, deren allmählich gewachsener Anteil am gesellschaftlichen Reichtum, deren besondere Formen kollektiver Kultur der Straße, der öffentlichen Plätze und Räume waren die Voraussetzungen und zugleich die Projektionsfläche für das Entstehen der neuen kommerziellen Massenkultur Kino, in enger Verknüpfung mit der Zuspitzung von anderen Prozessen der Industrialisierung im Hochkapitalismus, besonders hinsichtlich der Zeit- und Dingwahrnehmung der Menschen. Das Sozio-Kulturelle, das sich in der Kinematographie Ausdruck verschaffte, war schon da, bevor diese ihre besondere apparatehafte Gestalt erhielt, und entwickelte sich mir ihr weiter.
Literatur:Harro Segeberg (Hrg.): Die Mobilisierung des Sehens, München 1996
S. Oettermann: Das Panorama. Die Geschichte eines Massenmediums, Frankfurt/M. 1980
Friedrich von Zglinicki: Der Weg des Films, Hildesheim/New York 1979
Siegfried Zielinski: Audiovisionen. Kino und Fernsehen als Zwischenspiele in der Geschichte, Reinbek bei Hamburg 1989