Mediengeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (9)
Fotografie (III)



 
 
1. Die wichtigsten technischen Entwicklungen in der 2. Jahrhunderthälfte

1851: Glasplatte statt Papier als Träger des Negativs (Frederick Scott Archer)

Belichtungszeit zwischen 0,5 und 30 Sekunden.

1852:
Talbot erfindet das Prinzip der Halbtonätzung: möglich wird die Reproduktion
von Fotografien im Zeitungsdruck

1858
Nadar: die erste Fotografie aus der Luft

Von der Luftaufnahme zur militärischen Nutzung des neuen Mediums (1871)

Seit den sechziger Jahren die ersten  Versuche zur Farbfotografie.
 

2.  Kommerzielle Entwicklungen - am Beispiel Frankreich

Begünstigt durch die kürzeren Belichtungszeiten und die Glasnegative:

- Porträtindustrie (zuvor Graveure, Miniaturisten, Lithographen)
- neue Gewerbezweige:
- optische Fabriken (Linsenherstellung)
- Werkstätten zur Herstellung der Kastenkameras
- chemische Fabriken
- Glasplattenfabriken
- Papierfabriken für die Herstellung des speziellen Abzugspapiers

3.  Die „Künstlerfotografen" - am Beispiel Nadar

Fotografien von Nadar (50er bis 90er Jahre):
 

4.  Die Fotografie in der Gründerzeit unter Napoleon III. (ab 1851)

- staatliche Zentralisierung: Aufblähung des Beamtenapparats
- Prosperität des Kleinbürgertums, das sein Repräsentationsmedium sucht
- die ersten Warenhäuser, z.B. „Bon Marché"
- Masseninteresse für die Fotografie

Die Industrialisierung des Gewerbes durch André Adolphe Disderi ab 1854:

- Verkleinerung des bis dahin üblichen großen Formats auf ca. 6 mal 9 cm
- konsequente Nutzung des Glasnegativs für mehr Abzüge
- Preissenkung von 50 - 100 Frs. auf 20 Frs. pro Abzug
- Einführung der „carte de visite" für den (bürgerlich-kleinbürgerlichen) Massengeschmack

Disderis Massenfabrikation schafft neue Arbeitsplätze: ein Medien-Boom im 19. Jahrhundert:
- zwei große Ateliers mit angeschlossener Druckerei
- der Betrieb kann Abzüge und Reproduktionen innerhalb von 48 Stunden liefern
- massenhafte Gründung von fotografischen Ateliers führt zu technischen Verfeinerungen

Disderi schlägt vor, die Kunstwerke des Louvre zu fotografieren:

vgl. Walter Benjamin: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit"
- Auraverlust
- das Ende der kultischen Rezeption von Kunst
- die Technik greift ins Allerheiligste der Kultur- und Bildungsgüter ein

Kleine Geschichte der Carte de visite

Literatur:
Gisèle Freund: Photographie und bürgerliche Gesellschaft. Eine kunstsoziologische Studie. München 1968