Mediengeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (7)
Fotografie (I)

Fotografie, historisch und im Alltag

- Basistechnik für den Film und alle späteren technischen visuellen und audiovisuellen Medien

- die Ubiquität der Fotografie im Alltag, ihre Präsenz in allen Kontexten: Dokumentation, Kunstmarkt, Werbung, Hobby

- Medium der Visualisierung im Print-Bereich (Buch, Zeitung, Zeitschrift) und in den neueren Medien wie Fernsehen und Internet

- Fotografie als Hobby: diejenige Technik, mit deren Hilfe der Rezipient zum Produzenten wird; sein Einstieg in die Welt der technischen Bilder
 
 

Kurzer Überblick über technische Entwicklungen 1800 bis 1850:

Zeitleiste 1800 - 1850
 

Das Problem: einen Realitätsausschnitt „naturgetreu" auf einem Trägermaterial fixieren

Voraussetzungen:
- eine Apparatur nach dem Prinzip der Camera obscura und ein chemischer Stoff, der sich unter  Lichteinfluß verändert:  Aufnahme

- ein chemisches Verfahren, das die Fixierung ermöglicht: Speicherung

Chemische Beobachtungen im 18. Jahrhundert:
- Chlorsilber wird unter Lichteinwirkung geschwärzt (Johann Heinrich Schulze, 1727)
- unter Lichteinfluss geschwärztes Chlorsilber hinterlässt in Verbindung mit Amoniak Silberspuren, die sich von einer Oberfläche nicht mehr ablösen (Carl Wilhelm Scheele, Stockholm, 1777)
 

Die einzelnen Schritte auf dem Weg zur Fotografie
 

1802
Der britische Physiker Thomas Wedgwood  versucht, die Reflexe der Camera obscura zu fixieren: Abbildungen von Pflanzenblättern im Sonnenlicht auf Silbernitratpapier -  keine Speicherungsmöglichkeit.

1816
Der Franzose Joseph Nicéphore Niepce versucht, Papierbilder herzustellen: Camera obscura und Silberchlorid (Negativbilder, keine Möglichkeit zur Fixierung)
Sein Motiv: der Blick aus seinem Arbeitszimmer auf Hof und Garten, in der Nähe von Chalon-sur-Saône.

Um 1822
Niepce fügt der Camera obscura eine einfache Linse hinzu und benutzt die Irisblende.
Sein Gerät: hölzerne Kameras aus zwei ineinander schiebbaren Kästen.

Sommer 1826:
Die erste Fotografie
Niepce gelingt es, auf einer asphalt-beschichteten Zinnplatte (21cm x 16cm) den Blick aus seinem Fenster festzuhalten. Belichtung acht Stunden.
Die Platte wird mit Lavendelöl bearbeitet;  die unter Lichteinfluss nicht verfestigten Asphalt-Teile lösen sich ab - es bleiben die "belichteten" Teile: ein dauerhaftes Positiv.

Joseph Nicéphore Niépce
 

Die Daguerreotypie

1839
Der Franzose Louis Jacques Mandé Daguerre, von Haus aus Theater-Maler, setzt bei Niepces Erfahrungen an und erprobt ein neues Verfahren: ein Jodsilberbild wird auf einer Metallplatte
durch Quecksilberdämpfe entwickelt und mit einer Kochsalzlösung fixiert.

Ein Vermarktungsproblem

Buddemeier (Panorama - Diorama - Photographie, s. Literaturliste):
„Die Photographie war zwar ein durch und durch technisches Verfahren, das den übrigen im Zuge der industriellen Revolution gemachten Erfahrungen glich, seine Produkte unterschieden sich jedoch von denen der anderen Erfindungen; sie standen auf der Grenze zwischen Kunst und Technik und machten die Photographie dadurch für finanzielle Spekulationen wenig attraktiv."

1839
In dieser Situation tritt Dominique François Arago auf, Physiker und Sekretär der Akademie der Wissenschaften, Parlamentarier der frz. Abgeordnetenkammer zur Zeit des "Bürgerkönigs" Louis Philippe: Wortführer der republikanisch eingestellten Intelligenz (des linken Flügels der bürgerlichen Fraktion, die an der industriellen Entwicklung, folglich an Naturwissenschaft und Technik interessiert ist. Seine Rede vor der Akademie der Wissenschaften führt zum Ankauf der neuen Erfindung durch die Regierung.

(vgl. Arago, Bericht über den Daguerreotyp, 1839; deutsch in Wolfgang Kemp, Theorie der Fotografie, Bd. I, S. 51 ff - siehe Literaturverzeichnis)

Die frz. Regierung erwirbt mit dem Ankauf der Daguerreotypie das Recht, die Erfindung der Öffentlichkeit zu übergeben.
Zum zweiten Mal - nach der Telegrafie - nimmt sich eine Regierung einer technischen Erfindung an:
Telegrafie: in Erwägung wirtschaftlicher und politisch-strategischer Pläne (Großraum-Pläne)
Fotografie: im Interesse des aufstrebenden industriellen Bürgertums
 

Die Daguerreotypie liefert Unikate: als Reproduktionsmedium (und somit als Medium der Moderne, technisch, wirtschaftlich und kulturell) ist die Fotografie im Jahre 1839 noch gar nicht erfunden.
 

Louis Jacques M. Daguerre
 

Zur frühen Rezeption des neuen Mediums

Edgar Allan Poe über die Daguerreotypie:

This word is properly spelt Daguerréotype, and pronounced as if written Dagairraioteep. The inventor's name is Daguerre, but the French usage requires an accent on the second e, in the formation of the compound term.

The instrument itself must undoubtedly be regarded as the most important, and perhaps the most extraordinary triumph of modern science. We have not now space to touch upon the history  of the invention, the earliest idea of which is derived from the camera obscure, and even the minute details of the process of photogeny (from Greek words signifying sun-painting) are too long for our present purpose. We may say in brief, however, that a plate of silver upon copper is prepared, presenting a surface for the action of the light, of the most delicate texture conceivable. A high polish being given this plate by means of a steatitic calcareous stone (called Daguerreolite) and containing equal parts of steatite and carbonate of lime, the fine surface is then iodized by being placed over a vessel containing iodine, until the whole assumes a tint of pale yellow. The plate is then deposited in a camera obscure, and the lens of this instrument directed to the object which it is required to paint. The action of the light does the rest. The length of time requisite for the operation varies according to the hour of the day, and the state of the weather - the general period being from ten to thirty minutes - experience alone suggesting the proper moment of removal. When taken out, the plate does not at first appear to have received a definite impression - some short processes, however, develope it in the most miraculous beauty. All language must fall short of conveying any just idea of the truth, and this will not appear so wonderful when we reflect that the source of vision itself has been, in this instance, the designer. Perhaps, if we imagine the distinctness with which an object is reflected in a positively perfect mirror, we come as near the reality as by any other means. For, in truth, the Daguerreotyped plate is infinitely (we use the term advisedly) is infinitely  more accurate in its representation than any painting by human hands. If we examine a work of ordinary art, by means of a powerful microscope, all traces of resemblance to nature will disappear--but the closest scrutiny of the photogenic drawing discloses only a more absolute truth, a more perfect identity of aspect with the thing represented. The variations of shade, and the gradations of both linear and aerial perspective are those of truth itself in
the supremeness of its perfection. The results of the invention cannot, even remotely, be seen--but all experience, in matters of philosophical discovery, teaches us that, in such discovery, it is the unforeseen upon which we must calculate most largely. It is a theorem almost demonstrated, that the consequences of any new scientific invention will, at the present day exceed, by very much, the wildest expectations of the most imaginative. Among the obvious advantages derivable from the Daguerreotype, we may mention that, by its aid, the height of inaccessible elevations may in many cases be immediately ascertained, since it will afford an absolute perspective of objects in such situations, and that the drawing of a correct lunar chart will be at once accomplished, since the rays of this luminary are found to be appreciated by the plate.

- der größte Triumph der modernen Wissenschaften: Wissenschaftsfaszination im 19. Jh.

- Sun-painting: Lichtmalerei - „die Natur malt selbst": Orientierung der Begriffsbildung an den klassischen bildenden Künsten

- die Malerei wird an Genauigkeit übertroffen: Fotografie = ein perfekter Spiegel

- die unvorhersehbaren Perspektiven der Erfindung
 

Die Idee der Reproduktion

Schon Anfang 1839 regt die Daguerreotypie den frz. Kunstkritiker Jules Janin an, die industriellen Errungenschaften der Epoche mit der Idee der Reproduktion zu verbinden (obwohl das neue Medium selbst zur Reproduktion noch gar nicht tauglich war):

"Wir leben in einer einzigartigen Epoche. Wir denken heute nicht länger daran, nichts mehr selbst produzieren zu müssen, sondern wir suchen dagegen mit einer beispiellosen Ausdauer nach Mitteln, die für uns und an unserer Stelle reproduzieren. Die Dampfmaschine hat die Zahl der Arbeiter verfünffacht. Bald werden die Eisenbahnen das flüchtige Kapital verdoppelt haben, das man Leben nennt. Das Gas hat die Sonne ersetzt. Und man stellt schon Versuche an, die Luft schiffbar zu machen. Dieser Aufstand der übernatürlichen Mittel hat sich schnell von der Welt der Tatsachen auf die Welt der Ideen übertragen, vom Handel auf die Künste. Es ist noch nicht lange her, daß Gavard den Diagraphen erfand, durch den die gefügigen Deckengemälde des Schlosses von Versailles sich selbst auf dem Papier einstellten und von einem Kind ohne Erfahrung reproduziert wurden. (...) Und jetzt hat Daguerre durch diesen auf eine Platte aufzutragenden Überzug die Zeichnung und die Graphik ersetzt. Wenn es so weiter geht, dann werden wir bald Maschinen haben, die uns Molièrsche Komödien oder Verse, wie sie der große Corneille schrieb, diktieren. Und so soll es sein."

(Jules Janin, Der Daguerreotyp, in: Kemp, Theorie der Fotografie I, S. 48)