Mediengeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (6)Das 19. Jahrhundert und die Idee der Vernetzung
Zur gesellschaftlichen Rezeption der Telegrafie - Vier ZitateI
"Es wird eine durch die Gleichzeitigkeit der Correspondenz vermittelte Gleichzeitigkeit der Action weit verstreuter Menschenmassen möglich, die unter Umständen ganz unberechenbare Folgen haben muss, die z.B. einen von einem Willen in kritischer Lage geleiteten Staatskörper wirlich zu einem Staatskörper werden lässt. Ja das telegraphische Netz in unsere Ländern zeigt hier eine Leistungsfähigkeit, welche dem Netz der Nerven in unserem Körper abgeht. (...) Die Städte, die Völker 'erleben' die Ereignisse gleichzeitig, gleich als ob eine Empfindung einen einheitlichen Körper durchzucke. Und wir wissen, Nachrichten erzählt man sich nicht blos, sie wirken auch auf Thun und Lassen der Menschen."
(Karl Knies, Telegraph als Verkehrsmittel, 1857)- Telegraphie und „Gleichzeitigkeit": globale Vernetzung als Resultat schrumpfender Entfernungen
- Konzentration „weit verstreuter Menschenmassen": dispersa publica, die „Zerstreuung" nach dem Turmbau von Babel und der Traum von neuer Zusammenfassung
- die (positiv gesehenen) politischen Folgen: labile Staatsgebilde werden zu „Staatskörpern" zusammengeschmolzen
(im Hintergrund: die Nationalstaats-Idee des 19. Jh., das "zersplitterte" Deutschland; Einheitsgedanke und staatliche Zentralisierung)
- die Körper-Metapher: Telegrafie als optimiertes Nervennetz; das elektrische Zucken der Nachrichtenvibrationen im "Körper" der Menschheit
Grundgedanke: die Nachrichten sind mehr als ihr Inhalt - die Technik der Übertragung wirkt sich auf Rezeption und psycho-physisches Verhalten aus- die sozialen und politischen Wirkungen der Nachrichten auf die Vielzahl der Empfänger
II
"Das Telegraphennetz, mit seinem länderumspannenden eisernen Maschen und Stationen, funktionirt wie das Nervensystem des menschlichen Körpers und übertrifft dieses in den Leistungen sogar an Schnelligkeit und Mannigfaltigkeit. Wie die Empfindungsnerven die Vorgänge in den verschiedenen Körpertheilen dem Gehirn berichten und die im Gehirn konzipirten Befehle den zur Ausführung derselben bestimmten Organen mittheilen, so werden Meldungen an die Centralregierung und Befehle von dieser auf dem Telegraphennetze in kürzerer Zeit vermittelt, als die Nerven gebrauchen, um ihre Aufträge zu vollführen. Ein jeder Draht versieht die Funktionen beider Nervenarten."
(Franz von Chauvin, Leiter der deutschen Staatstelegraphie, 1884)Die Körper-Metapher, ausdifferenziert:
- Das Hirn = die Zentralregierung des zum „Staatskörper" verschmolzenen Staates
- Empfindungsnerven = Telegrafendrähte zur Übermittlung von Meldungen und Befehlen
- „die Funktionen beider Nervenarten": Telegrafie als „Gegensprech-Anlage"
Die Zentralregierung als (vordemokratische) Herrschaftsinstanz, die Meldungen (von "unten") empfängt, um sie in Befehle (nach "unten") umzumünzen
Wichtig: der Anteil der im 19. Jh. sich durchsetzenden Naturwissenschaften und des biologisch-technischen Denkens an der Körper-Metaphorik
III
"... ohne (den Telegrafen wären) die Eisenbahnen weder an Sicherheit, noch an Schnelligkeit, noch an intensivem Betriebe dasjenige zu leisten im Stande (...), was sie heute leisten. Umgekehrt freilich hat der durch die Eisenbahn vermittelte Sachgüter- und Personenverkehr das für die Masse des Volkes vorher nicht vorhandene Bedürfnis zu telegraphiren selbst erst geweckt, indem die so sehr beschleunigte Bewegung der Körperwelt auch eine entsprechende Beschleunigung für die Ideenwelt nothwendig machte."
(Gustav Schöttle, Würtembergische Generaldirektion der Post und Telegrafie 1883)- Vernetzung durch Eisenbahn und Telegrafie: gegenseitige Durchdringung
- Beschleunigung der Verkehrs- und Transportsysteme forciert die Beschleunigung des Nachrichten- und Ideenaustauschs
(historisch verlaufen allerdings zwei dynamische Entwicklungen parallel: der Ausbau der Telegrafennetze und der der Eisenbahn; Chappes "Semaphor" funktionierte schon ca. drei Jahrzehnte vor der ersten Eisenbahn!)
IV
"... fires, explosions, floods, inundations, railway accidents, destructive storms, earthquakes, shipwrecks attended with loss of life, accidents to war vessels and to mail steamers, street riots of a grave character, disturbances arising from strikes, duels between, and suicides of persons of note, social or political, and murders of a sensational or atrocious character. It is requested that the bare facts be first telegraphed with the utmost promptitude, and as soon as possible afterwards a descriptive account, proportionate to the gravity of the incident. Care should, of course, be taken to follow the matter up."
(Memorandum von Paul Julius Reuter an seine Agenten 1883)- die Affinität des Zeitalters der Industrialisierung zu Katastrophe und Tumult
- FAKTEN: die Reduktion der Nachricht auf den "harten Kern"; Naturkatastrophen und soziales oder individuelles Geschehen weisen dabei dieselbe Struktur auf
- "prompte" Übertragung (> "Echtzeit") - gewissenhafte Niederschrift - weitere Verfolgung des Nachrichteninhalts (der "Story"): die Ethik der Nachrichtenagentur
Ein Sinnbild der technischen Avantgarde um die Mitte des 19. Jhs.
Vom telegrafischen Netz zum TelefonnetzAkustische Übertragungstechniken 1800 - 1900
Phonoautograph
Telefon
- Johann Philipp Reis
- Alexander Graham BellSchallplatte
Zum Verhältnis von Erfindung und Vermarktung:
Technische Reife der Erfindung, gesellschaftlicher Bedarf und unbegrenzte Anwendbarkeit beschleunigen die Vermarktung: Je schneller eine Erfindung zum Produkt reift, je umfassender sie gesellschaftlichen (staatlichen, kommerziellen und privaten) Bedürfnissen entspricht, je schrankenloser sie sich über nationale Grenzen hinweg realisieren läßt - desto schneller gerät sie in den Prozeß zunächst nationaler, dann internationaler Vermarktung
Telefonie und Vernetzung
Vermittlungstechnik: das Herstellen von Verbindungen zwischen Fernsprechteilnehmern wird zur wichtigsten Entwicklungsaufgabe.
(Die Zahl der Teilnehmer wächst exponentiell - aber sie kann nur in dem Maße wachsen, wie ein Netz aufgebaut wird und funktionsfähig wird)
Aus Eckart Menzler-Trott, Kleine Geschichte des Telefonierens (Quelle: Telepolis):
Immer Geld und Ausnutzung des Patentrechts bei der Entwicklung von Erfindungen vor Augen: diese Lehren haben Bell, später AT&T, die Baby Bells und Lucent Technologies und zugehörige Firmen nie vergessen. Um 1881 gibt es "theatre telephones" und Telefone für "music on the tap". Man kann sich Trompetensoli, Gedichte, dramatische Szenen anhören. Seit 1881 ist das Telefon durch die Pariser Weltausstellung bekannt gemacht und in Budapest kann man seit 1893 eine Art Telefonradio hören. Aber seit 1890 wird richtiges Geld noch immer allein mit Wirtschaftsnachrichten und Nachrichten gemacht, und zwar "per cable", durch Telegraphie! Die Telegraphiegesellschaften versuchen mit allen Mitteln, mit wirklich allen Mitteln, das "Telefonunwesen" zu verhindern. Aber der Telegraph war nur ein Informationsinstrument, das Telefon dagegen ist seit 1896 ein Kommunikationsinstrument.
Material im Internet:
Literatur und Zitate zur Kulturgeschichte der Telefonie
Eine kleine Geschichte des Telefonierens
Typewriter und Rechenmaschinen 1800 - 1900: Bauelemente des heutigen PC
Schreibmaschine (technisch möglich um 1810, Serienproduktion ab 1867)
Sozialgeschichte der Rechenmaschinen:
- zum Verhältnis von Versicherungswesen und Mathematik
- wachsende soziale Verunsicherung unter den Bedingungen der Industrialisierung
- Bedürfnisse nach Lebensversicherung, Kapitalversicherung, KatastrophenschutzSynthese von Automat und Rechenmaschine
Die "Analytical Engine" von Babbage (1833): das Konzept des ersten digitalen Rechenautomaten:
Speicher
Rechenwerk
Steuerung
Datenein- und -ausgabe