Mediengeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (5)

Telegrafie

 
Optische Telegrafie in der Antike:
Feuer- und Rauchsignalsysteme im militärischen Kontext

Grundidee der Telegrafie:
Übertragung von Zeichen über große Entfernungen - unabhängig von den Verkehrswegen und Transportsystemen (reitender Bote, Postkutsche, Eisenbahn, Dampfschiff):

Autonomie des medialen Prinzips gegenüber den bestehenden Verkehrssystemen

Eine Definition von 1884:
„Telegraph ist jede Vorrichtung, welche eine Nachrichtenbeförderung
dadurch ermöglicht, daß der an einem Ort zum sinnlichen Ausdruck gebrachte Gedanke an einem entfernten Ort wahrnehmbar wieder erzeugt wird, ohne daß der Transport eines Gegenstandes mit der Nachricht erfolgt."
(vgl. Große Medienchronik)
 

Claude Chappes Semaphor

Der französische Abbé Claude Chappe:
1791/1792 Erfinder des optischen Flügeltelegrafen Semaphor (grch.= Zeichenträger):
auf Türmen angebrachte, über größere Distanzen sichtbare, bewegliche Arme (Flügel), deren Stellungen bestimmten Zeichen (Buchstaben oder Zahlen) entsprechen (insgesamt 98 mögliche Zeichen)

März 1792: Chappe stellt seine Erfindung der gesetzgebenden Nationalversammlung vor; Folge ist der Bau einer Telegrafenversuchslinie über eine Strecke von 70 km.

April 1793: die ersten "Telegramme" werden über ein Versuchsgerät innerhalb von 11 Minuten übertragen.

1793 Telegrafenstrecke Paris - Lille: 212 km, 22 Stationen (zwischen 4 und 15 km entfernt)
Voraussetzung für die Wahrnehmung der gesendeten Zeichen über größere Entfernungen ist das im 17. Jh. erfundene Fernrohr.

Telegrafie und staatliche Interessen:
Erstmals in der Geschichte nehmen sich staatliche Instanzen der neuen Medientechnologien an: die Regierungen der entstehenden Industriestaaten reklamieren "öffentliche Interessen" für ihre (oftmals) geheimen politischen Pläne; Beschleunigung und Vervielfältigung der Nachrichtenübertragung treten in den Dienst hegemonialer Strategien und expandierender Wirtschaftspolitik

Telegrafie und Militär:
Die ersten telegrafischen Meldungen nach 1793 betreffen Eroberungen des frz. Heeres in der Übergangsphase zwischen der jakobinischen "Schreckensherrschaft" und Napoleons Aufstieg ab 1796.
Noch bevor die Elektrizität für die Telegrafie technisch genutzt wird, entsteht in Frankreich ein Netz von 500 Flügeltelegraphen.
Die Vernetzung Europas beginnt ca. 4 Jahrzehnte vor dem Bau der ersten Eisenbahnnetze.

Mit Bonaparte wird die Telegrafie zum Instrument europäischer (tendenziell weltweiter) Großraum-Politik: mit dem neuen Übertragungsmedium erhält der Zeitvorsprung einen strategisch entscheidenden Stellenwert; die zu erobernden Großräume "schrumpfen" in dem Maße, wie sie informationell beherrschbar werden.

(vgl. hierzu die Telegrafie-Essays in Hörisch/Wetzel, Armaturen der Sinne, München 1990), vor allem:
Frank Haase: Stern und Netz. Anmerkungen zur Geschichte der Telegraphie im 19. Jh.

Technisierung der Fernkommunikation
 

Weitere Schritte zur technischen Perfektionierung der Telegrafie

Mit Hilfe der Voltaschen Röhre gelingt es dem Engländer CharlesWheatstone, Strom mit Metalldrähten über große Entfernungen zu übertragen.

Der Münchener Erfinder Carl August von Steinheit führt den Einheitsstromkreis ein (Erde als Rückleitung)
1836 erfindet er den schreibenden Telegrafen:  die zu übermittelnde Nachricht erscheint in einem Punkte-Code auf einem Papierstreifen

Der amerikanische Maler Samuel Morse verfeinert und systematisiert die Codierung
("Morsealphabet").
1837 läßt er den elektrischen Draht als Mittel zur Nachrichtenbeförderung patentieren:
Buchstaben werden nach einem Binär-Code in Form von unterschiedlich langen Stromstößen als Punkte und Striche übertragen, die von einer Feder auf einen Papierstreifen aufgezeichnet werden.

Der Ausbau der Telegrafie verläuft von nun an zeitlich parallel mit dem Ausbau der Eisenbahnnetze.

1844: die erste telegrafische Verbindung über den Grund des Hudson-River
1851: eine Verbindung zwischen Dover und Calais
1857/58:  die erste dauerhafte transatlantische Kabelverbindung durch die "Great Eastern"
1858:  9 Millionen Telegramme in Europa (1908: 334 Millionen)

Christian Holtorf über die transatlantische Telegrafie

Nachrichtenagenturen

Die Entwicklung der Telegrafie in Europa und den USA ist eine wesentliche Vorausetzung für die Gründung der ersten Nachrichtenagenturen:
- Zentralisierung der Nachrichtensammlung durch publizistische Unternehmen
- Bearbeitung der aktuell eingehenden Informationen nach den Erfordernissen der Medien
- Weitergabe des bearbeiteten Materials an die Medien gegen Bezahlung

Die erste Nachrichtenagentur der Welt 1832 in Paris: "Bureau Havas" (ab 1944: Agence France-Presse): Auslands- und Wirtschaftsnachrichten; ab 1850 Einsatz des elektrischen Telegrafen. Bis dahin Nachrichtentransport über Eisenbahn und Brieftauben: Die Nachricht vom Attentat auf den "Bürgerkönig" Louis Philippe 1835 benötigt noch drei Tage von
Paris nach Berlin.

1849:  Paul Julius Reuters Nachrichtenagentur:  Brieftaubenpost zwischen Aachen und Brüssel.
Ab 1851 "Reuter's Office" in London (ab 1916: Reuters Ltd.).

Mit den Nachrichtenagenturen beginnt umfassend die Kommerzialisierung der Nachrichtenverbreitung:

Die Nachricht wird zur Ware; sie wird „dekontextualisiert" (s. Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode, Frankfurt/M. 1985, S. 21): d.h. herausgelöst aus dem sozialen Kontext der auf die kommunizierenden Personen bezogenen Mitteilung.
Der Nachrichtenaustausch verliert seine personengebundene Pragmatik (als Kommunikationsform kleiner Lebensräume und in überschaubaren Kommunen z.B. innerhalb von Agrargesellschaften).
Nachrichten werden „beliebig" und gewinnen an zweckfreiem Unterhaltungswert.
(vgl. hier die Entwicklungen im Pressewesen und in den Bildmedien des 19. Jhs.)
 

Bildtelegrafie ab 1843 technisch möglich

Bildübertragung durch Elektrizität: Fotografien, Schwarzweiß-Grafiken, Textdokumente
(Bildtelegramm, Weiterentwicklung zum Funkbild).

Das erste Pressetelegramm sendet ein Zeitungsjournalist 1844 über einen
Morsetelegrafen vom Kongreß in Washington (D.C.) an seine Zeitung "Baltimore Patriot".

Kabeltechnik

1847 führt Werner v. Siemens die Umhüllung (Isolierung) des Leitungsdrahtes mit einem Mantel aus einem kautschukähnlichen Produkt ein: das erste Kabel (tauglich für unterirdische und Unterwasser-Leitungen).
 

Technische Weiterentwicklungen

1853: Duplextelegrafie (Möglichkeit des  "Gegensprechens"; über eine Telegrafenleitung können gleichzeitig mehrere Telegramme gesendet werden, auch in entgegengesetzte Richtungen).

Eine Darstellung im Internet: The Polar Duplex Half Repeater

Typendrucktelegraf: druckt Buchstaben aus; Weiterentwicklung zum modernen Fernschreiber

1858: "automatic fast speed printing instrument" (Charles Wheatstone):
Ablösung der manuellen Zeicheneingabe durch einen automatischen "Schnellschreiber".
Morsezeichen werden auf einem Papierstreifen als gestanzte Löcher codiert.
(Beschleunigung: bis 100 Wörter pro Minute)

ab 1866 drahtlose Telegrafie technisch möglich
erprobt wird eine Nachrichtenübermittlung zwischen zwei Gipfeln in West Virginia über eine Distanz von 22 km mit Hilfe von zwei Drahtantennen

Drahtlose Telegrafie Europa-USA
Dezember 1901: Guglielmo Marconi gelingt die erste funktelegrafische
Verbindung über den Atlantik zwischen Europa (Cornwall im
Südwesten Englands) und Amerika (Neufundland) über 3600 km.
 

Quellen: Große Medienchronik
Internet: Information und Kommunikation in Geschichte und Gegenwart (s. Literaturliste)

Telegrafie im WWW:
David Gugerli / ETH Zürich