Interview mit Alexander Kluge in der ZEIT, 52/2000, 22.12.2000

Muss denn Fernsehen trostlos sein?

Alexander Kluge produziert seit zwölf Jahren, unbeirrt von Quoten und vom Murren der Privatsender, seine "Fensterprogramme" auf RTL und Sat.1. Adolf Theobald hat ihn für die ZEIT interviewt.


DIE ZEIT: Herr Kluge, wie gut, wie schlecht ist unser Fernsehen?

ALEXANDER KLUGE: Es hat gute Zeiten, schlechte Zeiten. Nehmen wir einmal einen Samstagabend, irgendeinen, das Programm ist ja rhythmisch, also immer ähnlich. Nur vereinzelt gibt es Unterschiede. Es besteht im Oberhaus der Sender aus Mainstream. Da gibt es zum Beispiel den Grand Prix der guten Laune, Wetten, dass ...?, Big Brother. Sat.1 setzt Star Trek dagegen, eine populäre Serie, hat also kein Programm, das mit den großen Showblöcken der drei anderen Großen konkurrieren könnte.
Im Unterhaus der Sender laufen Sexdramen und Filme. Das kostet nicht viel, stellt aber keine Opposition zu den großen Sendern dar. Um im Mainstream mitzuschwimmen, fehlen den kleineren Sendern die Zuschauer und damit das Geld. Bekämen sie beides, könnten auch sie vom erfolgreichen Schema nicht mehr abweichen. Es ginge ihnen wie den Dinosauriern: Sie wären von der Zukunft abgeschnitten.

ZEIT: Ist denn zu hoffen, dass unsere großen Fernsehanstalten auch einmal das Schicksal der Saurier trifft?

KLUGE: Noch nicht. Aber es gibt viele Menschen, die sich Mainstream-Programme nicht mehr ansehen.

ZEIT: Wie viele?

KLUGE: Ich schätze, mehr als ein Fünftel der Bevölkerung - immerhin mehr, als jeder einzelne Sender hat.

ZEIT: Kann davon ein Sender leben?

Kluge: Gewiss. Spiegel TV, nach 22 Uhr gesendet, bekommt genügend Zuschauer, die dieses Programm finanzieren. Wenn Sie also mehrere solcher Programme zusammenstellen und dabei Vielfalt andeuten, gewinnen Sie eine alternative Mehrheit.

ZEIT: Ist denn ein Gegenprogramm zur Unterhaltungsschwemme überhaupt durchführbar?

Kluge: Nicht mit demselben Produkt. Die großen Blockbusters am Samstagabend schöpfen einen großen Teil des Publikums ab. Und was die kleineren Sender heute dagegenstellen, ist nicht kräftig genug.

ZEIT: Und was ist der Programmunterschied zwischen den Öffentlich-Rechtlichen und den Privaten?

Kluge: Keiner. Nehmen Sie nochmals den Samstagabend, die Ruhe nach der Arbeitswoche, die distraction. Das ist in Deutschland Tradition seit den dreißiger Jahren. Selbst im Krieg wollte der Landser seine Unterhaltung im Fronttheater genießen, damit er in der Woche wieder seine Feinde erschießen kann. Diese Tradition entwickelte sich vom "Dritten Reich" über die DDR bis zum MDR. Speziell die Sachsen scheinen eine besondere Begabung zu haben, sich samstags amüsieren zu wollen - wir nannten das "das Prinzip Leipzig".

ZEIT: Wo bleiben denn die Gegenprogramme?

Kluge: Die gibt es bei Arte, bei 3sat, bei Vox. Und zwar gleichzeitig. Und die halten sich, denn Minderheiten haben eine starke Kraft, das zu suchen, was zu ihnen passt.

ZEIT: Und schaut da jemand zu?

Kluge: Sicher. Es gibt zwei Arten von Menschen. Die einen sehen ihren Lebenslauf und ihre Interessen als abgeschlossen an. Sie sind für Neuartiges nicht zu gewinnen. Eine zweite Gruppe, zahlenmäßig größer, aber vom Fernsehen nicht erfasst, will sich auch freuen, aber sie will etwas davon haben, wenn sie ihre Zeit verbringt, sie möchte nicht Zeit verlieren, sie will Zeit gewinnen. Sie sieht sich als Produzent ihres Lebens.

ZEIT: Und sind diese Gruppen zählbar?

Kluge: Mit Sicherheit. Man kann sie nach Charaktertypen unterscheiden. Die zweite Gruppe sind Menschen, die an ihrem Leben bauen, die ehrgeizig sind.

ZEIT: Akademiker, ZEIT-Leser?

Kluge: Auch. Vorrangig aber Menschen aus dem zweiten Bildungsweg. Für sie ist das Internet wichtiger als TV. Hier entwickelt sich eine neue Art von "Gewerbefreiheit des Geistes", weil im Internet jeder Sender und Empfänger zugleich ist.

ZEIT: Brauchen wir denn eine neue Vielfalt, es gibt doch schon so vieles, so vielerlei?

Kluge: Aber nicht für die Summe der Minderheiten. Das Fernsehen ist kurzatmig. Wenn ein Programm nicht sofort eine starke Quote macht, gilt es als eine Sache der Quotenkiller.

ZEIT: In den Fahrplänen für das TV-Programm, in den Fernsehzeitschriften, liest man über solche Entwicklungen nichts. Die Blätter werden immer mehr, immer dicker, hin und wieder auch billiger, von Zukunft ist da weniger die Rede.

Kluge: In der Evolution werden Entwicklungen von kleinen Lebewesen, nicht von den großen, vorangetrieben, und das Internet ist das Forum der Kleinen. Hier haben Neuerungen eine rasche Chance. Warum gibt es zum Beispiel nicht "Nachrichten mit Musik" als Alternative zur Oper? Warum gibt es nicht "Science mit Musik"? Warum hat sich bisher die kreativste Erfindung des Rundfunks, das Hörspiel, nicht stärker ausgebreitet? Das alles ist in den konvergierenden Medien, bei Rückantwort des Nutzers/Zuschauers, das heißt im Internet, möglich.

ZEIT: Wird Fernsehen neu erfunden?

Kluge: Das meine nicht nur ich, das meint auch Stefan Aust. Er ist Fernsehmann der ersten Stunde, hat buchstäblich zwischen Tür und Angel in einer Hamburger Butze mit kleinem Aufnahmegerät und ohne aufwändigen Personalapparat Spiegel TV begründet. Abgeleitet hat er seine Produktionstechnik von Fassbinder und anderen, als er an Filmen wie „Der Kandidat", „Krieg und Frieden" und „Deutschland im Herbst" mitarbeitete. Daher kommt seine Lust aufs Fernsehen. Auch heute ist mehr Neues vom Quereinstieg zu erwarten als von der TV-Routine.

ZEIT: Wenn ich eine Schüssel auf dem Dach habe, kann ich bis zu 500 Sendungen empfangen. Wo bleibt da noch Raum für Neues?

Kluge: In diesen 500 Programmen sehen Sie - äußerst zerstreut, aber auffindbar -, was in der heutigen Zeit "1001 Nacht" heißt. Was den Zuschauer verblüfft, ist der Perspektivwechsel. Unser Bundeskanzler zum Beispiel ist in den TV-Berichten ferner Kontinente die Nebensache. Das zeigt uns unseren Platz auf der Erdkugel. Was wir für wichtig halten, ist für andere weniger wichtig. Dafür ist die TV-Artistik, einschließlich der visuellen Einfälle, in Brasilien der unseren völlig überlegen. Oder Manhattan: Hier gibt es einen ganzen Himmel voller Sender, uns meist unbekannt. Hier können Sie erleben, was Vielfalt ist, was Babylon ist. Der Nerv, Neues zu suchen, zu finden, wird gestärkt durch die Vielfalt.

ZEIT: Liegt das nun an den Machern oder an den Zuschauern?

Kluge: In Manhattan liegt es an der Freiheit dieser Stadt. Diese Freiheit entsteht aus Not, aus so vielen Minoritäten und Sprachen, aus Urbanität. Jeder der vielen Sender produziert 24 Stunden Fernsehen pro Tag.

ZEIT: 100 Arbeiter in einer Stunde leisten mehr als ein Arbeiter in 100 Stunden, erkannte schon Karl Marx.

Kluge: Marx nennt das „animal spirits". Es geht um die Chance der Tuchfühlung. Menschen, die sich in Gesellschaft sehen, entwickeln starkes Selbstbewusstsein. So etwas wie in Manhattan gibt es überall in der Welt, in allen Sprachen. In Manhattan hat jede Minorität eine eigene Fernsehstation, die Chinesen, die Italiener, die Puertoricaner, auch die Gebildeten. Ein vielstimmiger Chor, der alles produziert, von der Pornografie bis zu advanced studies.

ZEIT: Trifft das auch auf uns zu?

Kluge: Später. Um die Anfänge bei uns zu bemerken, muss man seine Vorstellung von Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit etwas erweitern. Ich nenne ein Beispiel: Wir haben für meine Kulturmagazine in Chicago gedreht und dort Viertel besucht, in die sich Fremde nicht hineintrauen, auch die Polizei nicht. Man kann das nur machen in Begleitung eines Vertrauten, der die Gegend, die Menschen kennt. Dort werden jede Woche 400 Vinyl-Schallplatten produziert, die den neuesten Techno enthalten. Techno ist ja im Prinzip nichts anderes als der Generalbass des 17. Jahrhunderts. Unter diesen 400 Platten, sagte mir ein Musikkenner, sind mindestens acht, die so hervorragend sind, dass sie ein Mozart des 21. Jahrhunderts hätte komponieren können. Sie werden über Internet bestellt, aus der ganzen Welt. Hier entsteht unbeobachtet von den Konzernen aus dem Niemandsland ein neuer Markt, mindestens aber Naturalientausch.

ZEIT: Warum erkennt der Kommerz das nicht? Schläft Bertelsmann?

KLUGE: Es gibt ein Sprachproblem zwischen diesen Menschen, die sehr viel Sinn für Unabhängigkeit haben, und der Arbeitsform einer major company. Es geht um die Selbsttätigkeit der Menschen, die hier digital ihre Chancen wahrnehmen und zugleich mit so etwas Altmodischem und Robustem wie Nachbarschaft und Vinyl-Schallplatten zusammenleben.

ZEIT: Und all das kommt im Fernsehen nicht vor?

Kluge: Nein, noch nicht. Wir wollen damit in Berlin beginnen, haben einen Antrag auf Zulassung des Senders 1 DE gestellt. Ein metropolitanes Fernsehen. Das Wort "Berlin" steht da mit der Betonung auf eine Großstadt, nicht die Großstadt. Die Welt des Fernsehens besteht aus 6000 Sendern, und darunter ist mehr Interessantes, als wir denken. Und es ist die Internet-Generation, die so was generiert und fordert. Die denken nicht in ARD oder RTL, an Berlusconi TV oder Canal Plus. Die denken aufsässig und international.

ZEIT: Warum braucht es dafür das Internet?

KLUGE: Weil die Zugänge leichter sind. Hier ist, wie schon gesagt, jeder sein Sender und Empfänger. Das sind 20 Millionen Sender gegenüber einer Hand voll Programmdirektoren.

ZEIT: Eine Welt voller Individualisten?

Kluge: Viele unbekannte Sender gegenüber einigen wenigen Hauptsendern, die doch nichts anderes sind als in sich abgeschottete Ghettos, Hauptsender von regionaler Bedeutung.

ZEIT: Mit Ihrem Sender wollen Sie Autos bauen, die Autobahnen überlassen Sie den Konzernen?

Kluge: Die großen Konzerne sind Gefangene ihres Erfolgs. Sie können ihre Programme nicht ändern, ohne ihre Zuschauer zu verlieren. Also müssen sie bei dem schon Gefundenen bleiben, und sie gefährden dadurch ihren Zukunftserfolg. Ihre Programme sind einander zu ähnlich.

ZEIT: Sie waren nicht ganz unbeteiligt daran, der SPD ihre Zustimmung zum dualen System zu erleichtern. Teile der CDU hätten am liebsten nur privates, Teile der SPD nur öffentlich-rechtliches Fernsehen ordnungspolitisch durchgesetzt. Wenn Sie heute das Ergebnis sehen, war Ihr Einsatz richtig?

KLUGE: Helmut Schmidt war der festen Überzeugung: Privates Fernsehen brauchen wir
nicht. Wir hatten ein gediegenes öffentlichrechtliches System. Die Zuschauer in Deutschland standen loyal zu ARD und ZDF, einschließlich der Dritten Programme, waren emotional ausgefüllt. Daneben Opernhäuser, Kirchen, die Presse, eine intakte klassische Öffentlichkeit. Schmidt hätte diese Haltung noch lange durchgehalten, hätten konservative Ministerpräsidenten nicht die Gefahr beschworen, Berlusconi würde auch uns überrollen. Sie redeten den SPD-Länderchefs die Angst vor einer europäischen Übernahme ein, und die überzeugten contre coeur ihre Basis vom dualen System.
Dieses duale System kannte noch checks and balances, die einer Medienkonzentration entgegenwirkten. Zehn Jahre später wurde diese Struktur auf Betreiben der Privat-TV-Lobby ausgehöhlt. Das sah dann so aus: Die Öffentlich-Rechtlichen haben sich von 60 Prozent Marktanteil auf 40 Prozent Marktanteil zurückbewegt, das Duopol aus Bertelsmann und KirchGruppe darf nicht mehr als je 30 Prozent der Zuschauer, also nicht mehr als die überhaupt noch vorhandenen 60 Prozent, für sich einnehmen. Das nennt man das "Marktanteilsmodell".

ZEIT: Werden die 30 Prozent eingehalten, kontrolliert?

Kluge: Teilweise. Die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) hat soeben eine umfangreiche Publikation mit dem Titel Fortschreitende Medienkonzentration im Zeichen der Konvergenz veröffentlicht. In Länge von 456 Seiten veröffentlicht, unterschrieben von Professor Ernst-Joachim Mestmäcker, einem profilierten Vorkämpfer für möglichst viel Privatinitiative in den Massenmedien, der aber offensichtlich Grund sieht, einer Fehlentwicklung zur Medienkonzentration hin Grenzen zu setzen. Wenn man die für das Privatfernsehen relevanten Zielgruppen der 14- bis
49-Jährigen nimmt, haben schon heute beide Senderfamilien mehr als 30 Prozent Marktmacht. Nur wenn man Kinder und ihre Großeltern mitzählt, bleibt das Duopol unter je 30 Prozent.

ZEIT: Neulich las ich, warum ARD und ZDF so häufig Volksmusik bringen: Das bringt Quote, aber bei einer Zielgruppe, die die Privaten gar nicht wollen. Die Werbewirtschaft ist an Älteren desinteressiert.

Kluge: Obwohl sie auch Käufer sind.

ZEIT: Wie sieht die Medienkonzentration im Ausland aus?

Kluge: In den USA haben sie ein machtvolles Kartellgesetz, in England ein ausgeglichenes System zwischen Privaten, BBC und Channel 4. In Italien ist es die schiere Macht, die hier in Gestalt von Berlusconi herrscht.

ZEIT: Der würde noch am liebsten Papst werden.

Kluge: Mit einem Fernsehimperium fing er an, dann kaufte er eine breite Öffentlichkeit von Zeitungs- und Buchverlagen hinzu. Dann übernahm er das Amt des Ministerpräsidenten - ein System wie im alten Rom.

ZEIT: Und wie sind Sie zu Ihren Fenstern bei den großen Häusern gekommen?

Kluge: Im Gesetz ist festgelegt, dass jeder Sender mit einem Marktanteil von mehr als 10 Prozent einen geringen Teil seines Programms, "Fenster" genannt, an unabhängige Anbieter abgeben muss. Für diese Fensterprogramme gibt es eine öffentliche Ausschreibung, etwa alle drei Jahre. Es ist Platz für bis zu vier Bewerber. Sinn dieser Fensterprogramme ist es unter anderem, ein Instrument zu haben für den Zeitpunkt, zu dem die Kirch- und Bertelsmann-Familien jeweils mehr als 30 Prozent Marktanteil aufweisen. Man kann das vermutlich in unserer Rechtsordnung nur dadurch ausgleichen, dass man unabhängige Gegenprogramme vermehrt. Solche Fenster müssen vorbereitet sein. Im Krisenfall selbst könnte sie niemand mehr begründen. So hätten die Zuschauer zumindest das Minimum einer Auswahl innerhalb des privaten TV.

ZEIT: Und Sie wollen nun in Berlin dagegenhalten, mit illustren Partnern: Spiegel, Dentsu
(der Welt größte Werbeagentur), Kinowelt und Ihrer DCTP?

Kluge: Wir haben einen Antrag auf Zuteilung eines Kabelplatzes für Berlin gestellt. Darüber wird am 15. Januar entschieden.

ZEIT: Eine dritte Kraft, als dritter Konzern?

Kluge: Für einen Konzern sind wir etwas klein geraten. 1 DE wird die Interessen derjenigen vertreten, die neben den monolithischen Blöcken auch im Fernsehen vertreten sein wollen, sollen. Dazu gehört zum Beispiel der „Spiegel". Dazu könnten auch die FAZ, die SZ, die NZZ gehören.

ZEIT: Auch das ein oder andere intelligente Wochenblatt?

Kluge: Warum nicht? Zumal die ZEIT die einzige Zeitung ist, die sich nicht der sonst
üblichen Hofberichterstattung auf den Medienseiten angeschlossen hat. Sonst sind nur
noch Herbert Riehl-Heyse und Klaus Ott als Autoren der Süddeutschen Zeitung als Kritiker
tätig. Gerade auch die Öffentlich-Rechtlichen brauchen eine solche Kritik, sonst droht ihnen eine Implosion ähnlich den osteuropäischen Planwirtschaften.

ZEIT: Und wie verhält sich da die Werbewirtschaft, die ja die Privaten finanziert?

Kluge: Sie ist nicht erfreut über die Macht, die das Duopol aufgehäuft hat. Sie ist an Wettbewerb interessiert. Zunehmend wird die TV-Werbung internationaler. Soweit sie auf Image-Werbung für große Unternehmen Wert legt, zum Beispiel für die Markenzeichen Deutsche Bank, Siemens, Brand-Thompson, wird eine für das Image passende Programmumgebung wichtiger. Die werbetreibende Wirtschaft braucht auf ihren Werbeinseln Leuchttürme. Ähnlich wie im Mittelalter eine machtvolle Stadt an ihren Türmen und Kirchen schon von weitem zu erkennen war. Man braucht nicht Programmmasse, sondern außerordentliche Events im Programm.

ZEIT: Was hat nun Ihre dritte Kraft mit dem Internet vor?

Kluge: Sie müssen sich das so vorstellen: Unser Berliner Modell, die dritte Kraft, ist ein content pool, der sich an allen digitalen und analogen elektronischen Medien orientiert. Die Berlin-Gründung wird ein regionales Fernsehen, aber mit metropolitanem Ehrgeiz. Paris, New York, London, Rom treten da ebenso in Erscheinung wie unsere Hauptstadt. Ein urbanes Fernsehen.

ZEIT: Und wer soll das finanzieren?

Kluge: Wir arbeiten nach dem Grundsatz: Die Kosten richten sich nach den Einnahmen.

ZEIT: Auch Sie haben als Einnahmen nur das Werbegeld. Wird die Werbung da mitmachen?

Kluge: Sie wird das verstehen. Wer Nachrichten und Ereignisse mit Gründlichkeit verbindet, wird für die Werbewirtschaft ein seriöses Umfeld schaffen, das die permanent gute Laune bei den Privaten ergänzt. Es ist die Vielfalt, die den Menschen in Verwunderung setzt, nicht die Monotonie.

ZEIT: Warum gleichen sich die Öffentlich-Rechtlichen denn immer mehr an die Privaten an? Man überbietet sich da ja gerade in ewig gleicher Zerstreuung.

Kluge: Mir ist das ein Rätsel. Vermutlich hängt es mit der Struktur der "Anstalt" zusammen. Auch mit der Größe. Initiative nimmt in der ARD zu, wenn es um die kleinen Anstalten geht. Wie es bei Ovid heißt: "Größe ist dem Untergang geweiht."

ZEIT: Ist dies das Schicksal aller großen Strukturen?

Kluge: Es muss nicht sein. In der Forschung gelingt es, immer wieder neue Kräfte anzureizen. In der freien Wirtschaft auch. Aber besuchen Sie mal auf der Buchmesse den Stand des Hessischen Rundfunks. Da stehen eine Menge Geräte herum, aber keine Menschen, die mit ihnen arbeiten. Wenn Sie heute die Gewerbefreiheit in einer öffentlichen TV-Anstalt ausrufen würden und die Initiative der Mitarbeiter zuließen, bekämen Sie einen Produktivitätsboom, der ARD und ZDF auf Jahrzehnte versorgen könnte. Übrigens gibt es in Phoenix, Arte, in den Dritten Programmen und in 3sat Beispiele, wie man es kreativ macht.

ZEIT: Und wo führt das alles nun hin?

Kluge: Im Fernsehen selbst auf Dauer zu einer Verarmung. Aber gleich daneben entsteht schon wieder etwas Neues. Dabei ist das Fernsehen das dominante Medium unserer Zeit.

ZEIT: Ein Wort zur Quote.

Kluge: Das ist eine statistische Form, sich der aktuellen Zustimmung des Zuschauers zu
vergewissern. Bei richtiger Interpretation hat die Quote eine Aussage. Über die Öffentlichkeit insgesamt kann aber nicht das Publikum eines Tages oder auch nur einer Wahlperiode entscheiden. Öffentlichkeit ist ein hohes anvertrautes Gut. Man muss sie gerade dort verteidigen, wo sie aktuell auf Trägheiten stößt. Der NDR-Intendant Jobst Plog hat einmal gesagt, man dürfe doch nicht die Menschen "mit Opern bombardieren". Was für ein Unsinn. Opern bombardieren niemanden. 350 Jahre der Neuzeit wurden vom Musiktheater begleitet, und unsere Vorfahren haben ihre Hoffnungen und Irrtümer in diesen Melodramen niedergelegt.
Ein Gemeinwesen wird nicht nur durch Gesetze, Logik und Controller und Polizei zusammengehalten, sondern auch durch die Musik. Sloterdijk hat das am Beispiel der Europa- und Uno-Hymne, Beethovens Lied an die Freude, kürzlich erläutert. Komplexe Werte sind als Messwert ebenso wichtig wie die Quote. Hat die Wahrnehmungskraft von Zuschauern noch Muskeln? Das ist eine interessante Frage, gerade für den Zuschauer.

ZEIT: Hier spricht der Autor Kluge.

Kluge: Darauf bin ich stolz. Aber auch darauf, dass ich in meinen Sendungen eine Vielfalt
erhalte, die es sonst im Fernsehen nicht gibt.

ZEIT: Auch nicht bei Spiegel TV?

Kluge: Spiegel TV hat etwas Eigenes gefunden, das vielleicht reicher ist als Kultur. Spiegel TV hat eine Reportagequalität entwickelt, wie es sie im deutschen Fernsehen bis dahin nicht gab. Und das alles mit der Kälte des „Spiegels" und doch mit der dokumentarischen Wärme von Spiegel TV.

ZEIT: Sind Sie eigentlich so etwas wie der Asterix im Fernsehgeschäft, der gegen das mächtige Rom kämpft?

Kluge: Vielleicht eher ein Absender von Flaschenpost.

ZEIT: Ist Fernsehen die vierte Gewalt im Staat?

Kluge: Schlimmer, das Fernsehen ist die Gewalt schlechthin. Berlusconi lässt grüßen. Und in England hat Murdoch Labour fest in der Hand.

ZEIT: Machen Sie eigentlich Antifernsehen?

Kluge: Ein großes Wort. Denken Sie an Paracelsus. Wenn Sie an der Rheinmündung, sagt er, auf Schweizer Seite auch nur ein Gramm gelber Farbe in den Bodensee geben, so wird bei Konstanz, am anderen Ende, etwas Potenziertes ankommen.

ZEIT: Eine Wirkung, die man nicht messen kann.

Kluge: Die Wirkung mag Jahre auf sich warten lassen, aber irgendwann kommt sie an.

ZEIT: Hätte es Sie nicht manchmal gereizt, eine öffentliche Position zu haben, in der Sie
mehr bewirkt hätten als Aufmerksamkeit abends von Ten to Eleven?

Kluge: Ich bin kein Politiker. Ich bin Autor. Und der antwortet: Was hätte ich dann alles nicht geschrieben? Lassen Sie mich ein Gleichnis geben: Es liebt einer eine Hässliche. Und nun sagt man ihm, du könntest doch auch eine Schöne lieben. Aber er liebt nun mal die Hässliche.

ZEIT: Eine ehrliche, eine kluge Antwort.

Alexander Kluge macht seit mehr als zwölf Jahren unabhängiges Fernsehen. Seine
Kulturmagazine (10 vor 11, Prime-Time/Spätausgabe, News & Stories) sendet er in der
Lizenz der Firma DCTP gemeinsam mit Spiegel TV, stern tv, dem Fernsehen der Neuen
Zürcher Zeitung, dem der Süddeutschen Zeitung und Programmen der BBC auf eigenen
Sendeplätzen, so genannten Drittfenstern, im privaten TV. Kluge, 68, ist Filmemacher und Jurist. Vor allem aber ist er Autor. Jüngst publizierte er das Werk Die Chronik der Gefühle, eine Sammlung von Lebensläufen auf 2036 Seiten. Etwa die Hälfte davon schrieb er in den vergangenen zehn Jahren, wenn er sich vom Fernsehmachen erholte.

Adolf Theobald, 70, gründete die Zeitschriften twen und Capital, war Chefredakteur von
natur und Geo. Er arbeitete in den Geschäftsführungen von Gruner + Jahr, dem
Spiegel-Verlag und Ringier. Heute lebt er als freier Publizist in München

(c) DIE ZEIT   52/2000