Aus:
Gelegenheitsarbeit einer Sklavin.
Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 1975
Kommentare zum antagonistischen
Realismusbegriff, S. 196 f.
Das Kino hat in seiner Entstehungsphase eine robuste Faustregel geschaffen: Filme müssen einen Erfahrungsgehalt haben, und sie müssen das Vergnügungsinteresse des Zuschauers befriedigen. Vorbild ist nicht die Dramaturgie der Schulstunde, sondern die der Schulpause; nicht die moralische Unterweisung durch Erwachsene, sondern die Phantasie von Kindern untereinander, auch wenn die Kinder Erwachsene geworden sind, usf. In dieser spezifischen, triebökonomisch regulierten Rezeptionsform (eigentlich rezipiert der Zuschauer den Film nicht, sondern er produziert ihn in seinem Kopf) können Zuschauer hohe Komplexitätsgrade immer noch mit Vergnügen aufnehmen. Dieses Vergnügen ist ein sicheres Korrektiv; moralische Kontrollierbarkeit ist es nicht.Einwand: Vergnügen als Korrektiv soll doch wohl nicht heißen, daß das Unterhaltungsprinzip von Fernsehshows oder Hollywood-Reißern ein besseres Korrektiv ist als das kritische Bewußtsein. Es bleibt aber gar nichts anderes übrig. Jede Massenloyalität gegenüber repressiver Unterhaltung läßt sich zurückübersetzen auf ein darin gebundenes Vergnügungsinteresse, das Realitätscharakter hat. Das ist das Gegenteil der Anpassung an das Unterhaltungsprinzip, nämlich eine analytische Aufspaltung. Dieser Vorgang ist schwieriger als Filme machen. Produktion von Film umfaßt aber gerade diese Produktionstätigkeit der Zuschauer. Insofern gibt es das Vergnügungsinteresse genausowenig "naturwüchsig" wie die realistische Methode. Es geht aber darum: keine Verdrehung dieses Interesses, keinen schlechten Geschmack, kein Klischee, keine Anpassung usf. auszugrenzen, sondern ihren realistischen Grund zu untersuchen. Gewissermaßen kommt es darauf an, nichts, was eine materielle Substanz hat, in die Anstalt einzuweisen.
Besonders ungesichert ist auf diesem Wege der einzelne Film, der ja zur einen Seite hin sich dem ganz anders interessierten Unterhaltungsprinzip des Kinokommerzes, der sich alles traut, und zur anderen Seite hin dem selbstgefesselten kritischen Bewußtsein, das sich gar nichts traut, gegenübersieht. Die Verbindung mit dem Zuschauer kann nur durch ganze Genres von Filmen, die die Sehgewohnheit artikulieren, zustande kommen. Das Medium drückt sich jedenfalls in Genre-Ketten aus. Das gleiche tut der Kopf des Zuschauers, wenn er die eigenen Erfahrungen verarbeitet.