Glasfasern 78
Post, modern
Telekom-Chef
Sommer hat uns mitgeteilt, daß der Winter bevorsteht und die
Kabelgebühren
erhöht werden müssen. Wegen unabwendbarer Investititionen in
die digitale
Hochtechnologie, versteht sich, zum Wohle des Kunden. Der Kunde zuckt
mit den
Achseln und zahlt; schließlich wurden auch die Briefe um zehn
Pfennig teurer.
Die zehn Pfennig wurden unumgänglich, um die hoffnungslose
Unterfinanzierung
des Postwesens gegenüber der Telekommunikation zu korrigieren.
Tragischerweise
jedoch wird die altehrwürdige Post durch die weiteren
Entwicklungen im Bereich
der Digitaltechnik weiter ins Hintertreffen geraten. Mit den
höheren Kabelgebühren
finanziert der Kunde somit die fortschreitende Verelendung der Post,
d.h. er
investiert in einen Prozeß, der ihm unweigerlich in absehbarer
Zeit die nächste
Erhöhung des Briefportos bescheren wird. Weil sowieso alles teurer
wird, fällt
schon gar nicht mehr auf, daß die Telekommunikationskonzerne
unter der Vorspiegelung,
daß mit ihren Segnungen alles billiger werde, gleich auf
doppelter Schiene die
Inflationsrate in die Höhe treiben.
Man muß den
Postämtern zugestehen, daß sie das ihnen drohende Schicksal,
zu Erinnerungen an
eine Art biedermeierlicher Steinzeit zu verkümmern, ideenreich
und flexibel abzuwenden
suchen. Dieser Tage betrat ich das Postamt in Overath, um nach
Bergneustadt zu
telefonieren; ein Telefonbuch fand sich nicht; der Anruf bei der
Auskunft
schlug fehl, und der Beamte erklärte mir unverblümt,
daß mit einem Handy alles
einfacher sei.
Postämter
gibt es ohnehin nicht mehr, die heißen neuerdings PostShops.
Man beachte das großgeschriebene S in der Mitte des
Worts; mit dergleichen Mätzchen revolutioniert die PostModerne seit geraumer Zeit die Orthographie. Das ist
nur in
Deutschland möglich, weil hier die Rechtschreibreform zwar jeden
Irrsinn, nur
nicht die äußerst vernünftige Kleinschreibung der
Substantive erlaubt, mit der
unser Wunsch, endlich in die Völkergemeinschaft
zurückzukehren, ganz von selbst
in Erfüllung gehen würde.
Wie gesagt,
die neuen PostShops lassen sich eine Menge einfallen. Auf der
Rückseite der
Quittungen, die man neuerdings erhält, schütten sie gleich,
mit den obligaten
bunten Bildchen, ein opulentes Warenangebot aus: Klebestifte für
DM 2,99,
Paketklebeband für DM 6,99 und Klebeband-Abroller für DM
0,99; Beratung und Verkauf am Schalter. Unser
Personal ist Ihnen gerne behilflich. Nicht zu übersehen ist
die subtile
Preisgestaltung.
Zugegeben,
die Angebotspalette ist noch ziemlich
bieder. Solange man in den PostShops keine Ohrringe, rosarote oder
marineblaue
Teddybären und digitale Kuckucksuhren kaufen kann, kann nicht die
Rede davon
sein, daß die Post die Zeichen der Zeit begriffen hätte.
Daß Post auch Spaß machen kann und unter
den
Bedingungen verschärften Wettbewerbs auch am Briefmarkenschalter Spaß total angesagt ist, hat sich im
Hause Bötsch noch nicht herumgesprochen.
Der Laden
sollte sich ein Beispiel an den Online-Diensten nehmen; hier gibt es
nur noch
reine Freude am Dasein, auch am Verschwinden. CompuServe, als es
neulich
mangels geschäftlicher Fortune von AOL Bertelsmann geschluckt
worden war,
teilte seinen Kunden mit: Wir freuen uns
über die aktuellen Entwicklungen und sehen ein großes
Potential für neue
Produkte und die Weiterentwicklung des CompuServe Dienstes. Bleiben Sie
dran -
es lohnt sich! Auch ein Bankrott kann also Spaß machen. Warum
nicht auch
die Inflation?