Glasfasern 77
Herzog, live
Vor
ungefähr dreihundert Jahren sandte ein großer
europäischer Fernsehsender seine
reitenden Boten zu den Priestern, Schriftgelehrten und anderen
Repräsentanten
der Printmedien aus und tat ihnen kund und zu wissen, daß in
Bälde der gekrönte
Monarch als alleiniger Gast im Studio
sich dem Volk zu zeigen die Absicht habe, mithin leibhaftig anwesend
und auch
im übrigen in seiner Menschlichkeit, in Grenzen
verständlicherweise, zu
besichtigen sein werde. Gewissenhaft machten sich die
Auserwählten auf den
beschwerlichen Weg - besorgt um ihre dem Ereignis angemessene Kleidung;
die
Straßen verstopfte wie stets das niedere Volk mit seinen
erbärmlichen
Eselskarren, doch man trieb die Pferde an, um auf das pünktlichste
den
angezeigten Termin einzuhalten.
Am Ort der
Handlung eingetroffen, erfuhren die Skribenten zunächst, was
sie erwarte, sei
eine Gunst besonders erlesener Qualität, nämlich: eine Live-Aufzeichnung, mithin das offiziell
beglaubigte Hof-Protokoll eines Ereignisses, das man
dem Volk
keineswegs vorenthalten, doch ihm erst folgenden Tags zur Ansicht und
zu Gehör
bringen wolle. Der Monarch sei gewiß präsent - nicht aber
das Volk. Doch
ähnlich wie beim Besuch des Hofmarschalls vor einigen Monaten
bestehe auch
diesmal für die Schriftkundigen Gelegenheit, ein
außergewöhnliches Geschehen live zu erleben.
Die Pilger der Feder
waren’s zufrieden; die Spesenritter unter ihnen quartierten sich in den
umliegenden Herbergen ein, die minder Honorierten schlugen ihre
bescheidenen
Zelte am Rande der Bannmeile auf - pochenden Herzens der Dinge harrend,
die da
kommen würden.
Am
darauffolgenden Morgen ward ihnen offenbart, der Monarch sei
zweifelsohne
anwesend, wenngleich mit Einschränkungen; zugegen, aber leider
nicht zugänglich
sozusagen, nicht direkt jedenfalls; man könne ihn
selbstverständlich sehen,
sogar live, aber auch nicht ganz live,
weil es - nachvollziehbarerweise -
einige Probleme gebe. Nichtsdestoweniger seien die Probleme
lösbar; eigens
dafür habe man die Baulichkeiten verändert. Man bitte die
angereisten Damen und
Herren freundlichst in einen Vorraum,
von welchselbigem aus sie in der Lage seien, ungehindert und mit freier
Sicht
das Ereignis über Monitor zu verfolgen.
Vor dem
bezeichneten Vorraum bildete sich, so berichten die Chroniken,
alsbald eine
Schlange geduldig Wartender. Man wartete und gab die Vorschriften und Anweisungen der Wärter am Einlaß
weiter -
auch die Gerüchte, die in einer wartenden Menge
unvermeidlich um sich
greifen. Eines dieser Gerüchte besagte, der Vorraum sei allein
für den
Intendanten reserviert, und in der Tat erfuhren diejenigen, denen es
gelang,
sich dem Eingang auf Hörweite zu nähern, die Zahl der
verfügbaren Plätze sei allerdings beschränkt
- zum Leidwesen
des Monarchen sicherlich, der sich ja vorgenommen hatte, über den
Sender sein
Wort an das Volk zu richten, und zwar live.
Ein anderes Gerücht wollte wissen, man habe für den
Besuch des Monarchen besondere Teilnahmeregeln
eingeführt, um
den erhöhten Sicherheitsvorkehrungen
Rechnung zu tragen - was unter den Wartenden zu einem
unruhigen
Rätselraten darüber führte, wie ein Monarch, der nur in
einem Vorraum und über Monitor
zu besichtigen ist, wirkungsvoll zu schützen sei.
Die
Chroniken brechen an dieser Stelle ab; über das Ereignis selbst
wissen die Historiker
nichts zu berichten. Es muß stattgefunden haben -
schließlich hatte man
seinetwegen einen Vorraum, besonders gut ausgedachte Teilnahmeregeln
und
Vorkehrungen für eine erhöhte Sicherheit eingeführt, und
obendrein war alles live.
Klaus
Kreimeier
1997