Glasfasern
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Lauschangriff
Schon Harun
al Raschid beschäftigte sich mit der Idee des Großen
Lauschangriffs - ganz unversehens kam dabei
so etwas wie ein sehr orientalischer, aber offenbar
gut funktionierender
Wohlfahrtsstaat heraus. Dem Herrscher gefiel es, wohl gegen den
Rat seiner
Wesire, sich anonym unter seine Untertanen zu begeben, die Ohren
zu spitzen
und auf diese Weise zu erkunden, was man landauf, landab über
Gott und die
Welt, den Staat und die Politik, über die Finanzen im
allgemeinen und die
Steuern im besonderen sich so dachte. Daß der Kalif, ausgestattet
mit einer
vergleichsweise soliden Informationsbasis, zu einem weisen und
wohltätigen
Herrscher wurde, war beinahe unvermeidlich - und die Innere
Sicherheit nur ein Nebenprodukt.
Die katholische
Kirche praktiziert den Großen Lauschangriff seit ihren
Anfängen mit
durchschlagendem Erfolg über ihre Beichtstühle, und man
muß ihr zugestehen, daß
sie so unterschiedliche Dinge wie Sündenvergebung und Spionage,
Demut und
Machtobsession, Wohltätigkeit und infame Quälerei im Laufe
ihrer Geschichte zu
einer vollendeten Synthese gebracht hat. Etliche Imperien mit ihren
Geheimdiensten
sind in den vergangenen zweitausend Jahren dahingesunken - die
sancta ecclesia
hat sie alle überlebt. Historiker und Gesellschaftswissenschaftler
schreiben
diesen Umstand gemeinhin der Magie der Heilsbotschaft zu, aber
vielleicht
solltensie sich mehr Gedanken über den Beichtstuhl machen,
über seine machtstabilisierende
Funktion und über die raffinierte Methode, mittels der Inneren
Sicherheit den
Einfluß nach außen kontinuierlich auszudehnen.
Die
Nationalsozialisten haben den Versuch unternommen, das Volk durch sich
selbst
belauschen zu lassen - mit dem Resultat, daß dem Volk das
Vermögen, zwischen
den eigenen Interessen und denen seiner Führer zu unterscheiden,
abhanden kam
und diejenigen, die an dieser Unterscheidung festhielten, an die
damaligen
Instanzen der Inneren Sicherheit ausgeliefert wurden. Sobald sich die
Heilsbotschaft der Nazis als heller Wahnsinn entpuppte, brach
auch ihr Großer
Lauschangriff zusammen; der letzte Bericht des Sicherheitsdienstes der
SS, der
den Führer nicht mehr erreicht hat, schließt mit der
bemerkenswerten
Feststellung, daß alles Bespitzeln für die Katz’ gewesen sei
und das Volk die
Nase gestrichen voll habe. So ergeht es Herrschern, die - anders als
Harun al
Raschid oder die katholische Kirche - von Dialektik nichts verstehen.
Nun haben
wir eine Demokratie - und der Große Lauschangriff soll nicht nur
richtig
demokratisch durchgeführt werden, sondern er wird auch, erstmals
in der
Geschichte, auf den ihm gebührenden militärischen Begriff
gebracht. Wir haben eine
katholisch-dialektisch gestimmte
Opposition, die mit der Regierung vollkommen einer Meinung und zum
Lauschangriff ebenso wie zur vorbereitenden Attacke
auf die Verfassung fest entschlossen ist. Wir
haben vor allem eine Technik, von der die Regierenden annehmen,
daß sich mit
ihrer Hilfe die Demokratie verbessern und die Innere Sicherheit aus
einer
Angelegenheit (politischer) Weisheit oder gar (sozialer)
Wohlfahrt in eine
Frage fachgerechter elektronischer Installationen umwandeln
läßt. Somit sind
die notwendigen Voraussetzungen geschaffen, um den
Verfassungsgrundsatz, daß
unsere Wohnung unverletzlich sei, in der Glasvitrine unserer hehren
Absichtserklärungen aufzubewahren und gleichzeitig außer
Kraft zu setzen - ein
Schicksal, das zuvor bereits dem Asylrecht widerfuhr. Umstritten
ist allein
noch die Frage, ob es nicht zweckmäßig sei, das akustische
Belauschen auf das
optische, also den Beichtstuhleffekt auf die
Schlüssellochperspektive
auszuweiten. Auch in diesem Punkt wird sich vermutlich die
Rechtsauffassung
durchsetzen, daß verfassungsmäßig sei, was
technisch realisierbar ist.
Klaus
Kreimeier
1997