Glasfasern 10
Um die Pflege
der Kultur im
allgemeinen und die der Philosophie im besonderen muß uns nicht
bange sein,
wenn sie nun von den Spitzenkräften unserer Industrie in Angriff
genommen wird
- und sei es mit der Brechstange. Sollten dabei bessere Autos und
Glühbirnen
mit längerer Lebensdauer herauskommen, hätte man die unter
dem Begriff
"Kultur" zusammengefaßten brotlosen Künste samt der
schlawinerhaften
Unsitte, auf Kosten des Gemeinwesens der Liebe zur Weisheit
nachzugehen,
endlich einer sinnvollen Nutzung zugeführt.
Es bleibt nur
der dumme
Verdacht, daß inzwischen auch die Herren auf den Chefetagen
bloß von einer
semantischen Woge erfaßt wurden (und alsbald rittlings auf ihr
Platz genommen
haben), die längst das Gebrabbel des Alltags unterspült und
vollkommen neue
Konnotationen geschaffen hat - spätestens seitdem der Vorstopper
erfunden war
und jeder Bezirksligatrainer plötzlich von einer neuen
"Philosophie"
des Fußballs sprach. Und als "cultural change" wollte uns ja,
seiner
Wortgewandtheit nach zu schließen, auch Beckenbauer seinen
Hinauswurf von
Rehhagel verkaufen, der dann prompt dahin führte, wo seine
Mannschaft kulturell
schon fast die ganze Saison herumgedümpelt war: auf Tabellenplatz
Nummer zwo.
Während die
Kultur realiter
abgebaut wird, geht ihr Begriff auf den Strich und bietet sich als
"Unternehmenskultur", "Streitkultur" etc.pp. in jeder
gewünschten Stellung an. Es gibt keine herausragenden
philosophischen Köpfe
mehr, aber die Gesellschaft philosophiert auf Deubel komm heraus. Kein
Staubsaugervertreter, der nicht mit einer neuen "Verkaufsphilosophie"
auf den Weg geschickt wird. Möglicherweise liegt hier eine
Erklärung dafür, daß
heute jeder zweite Satz, der vor einer laufenden Fernsehkamera
gesprochen wird,
mit der schockierenden Mitteilung beginnt: Ich denke...
Schwer zu sagen,
wer damit
angefangen hat; möglicherweise unsere Umweltministerin Angelika
Merkel. Aber
wie dem auch sei: das umständliche Ich
gehe davon aus, daß... gehört der Vergangenheit an. Heute
wird auf Biegen und
Brechen gedacht - von Rummenigge über die FDP-Yuppies bis Antje
Vollmer.
Descartes' Existenzbeweis hat eine Umkehrung erfahren: Ich bin (eine
öffentliche Person), also denke ich.
"Denken in
Ruinen"
heißt eine neue Aufsatzsammlung aus der Kultur- und
Philosophiefabrik Suhrkamp.
Betrachtet man die Lage des Industrie- und Kulturstandorts Deutschland,
nicht
zuletzt die derzeitige Qualität unseres Fußballs, trifft
dieser Titel den Nagel
auf den Kopf.
Klaus Kreimeier
1996