Glasfasern 9
Alle Wahrheiten
sind im Kern
banal, und so ist es kein Zufall, daß Victor Hugo seine
Medientheorie genau in
die Mittelachse seines Trivialromans "Der Glöckner von Notre Dame"
plaziert hat, als in sich abgeschlossenen Meister-Essay, in dem wir
etwas über
Geschichte und Vergängnis, über die Menschheit und ihre
Kulturen, über
Flüssigkeit und feste Form erfahren. Er schrieb eine
Grundlagenschrift der
Online-Epoche, Pflichtlektüre für alle Mausklicker des World
Wide Web wie auch
für jene, die hinter dem Imperium des Bill Gates den Untergang
unserer Kultur
heraufziehen sehen - so wie Hugo "hinter der Mainzer Buchdruckerpresse
den
altehrwürdigen Genius der Gotik wie eine sterbende Sonne mit ihren
letzten Strahlen"
versinken sah.
Begreifen wir
die Baukunst
bis zum 15. Jahrhundert als das "große Buch der Menschheit", als
Alphabet und steinerne Buchstabenschrift ihrer Träume und in
Jahrtausenden
enstandenes Stenogramm ihrer Entwicklung, als "tausendköpfige und
tausendarmige
Riesin", die sich über die ganze Erde ausgebreitet hat - dann
fällt es
schwer, die Geschichte von den ägyptischen Pyramiden über den
Tumulus der
Etrusker und die ältesten Hindupagoden bis zum Kölner Dom
nicht als
Vorgeschichte des Internets zu lesen. Am Kölner Dom stehen noch
heute
Baugerüste, die den Verfall der alten Schrift aufhalten wollen.
Und in Mainz,
wo Gutenberg in den Kulissen der Gotik die Druckerpresse in Betrieb
setzte,
steht heute das ZDF, ein Zwischenspiel der Mediengeschichte - der
besseren
Übersicht wegen auf einem Hügel abseits der Stadt errichtet,
architektonisch
gesehen eher ein Epilog auf Kunst und Kultur.
Die
Druckerpresse hat die
Baukunst als "Hauptbuch der Menschheit" abgelöst. Die Lettern
brachten Mauern ins Wanken, stürzten Imperien und wurden zum
fliehenden,
flüchtigen, Völker und Erdteile vernetzenden
Kommunikationsmittel. Sie waren,
in den unsterblichen Worten Victor Hugos, "die vollständige und
letzte
Häutung jener symbolischen Schlange, unter der seit Adams Zeiten
der Geist zu
verstehen ist." Aber diese symbolische Schlange ist ein virtuelles
Biest.
Sie kennt keine "vollständige und letzte Häutung". Ihre
derzeitige
Häutung ist das Internet. "Unaufhörlich saugt der
Riesenapparat sämtliche
Säfte des Geisteslebens ein, unaufhörlich speit er sie wieder
aus als
wiederkehrendes Arbeitsmaterial für den Bau."
Der "Bau" aber -
was ist das? Nach den bisherigen Abläufen nicht viel mehr als die
Wiederkehr
des Immergleichen. "Jede Zivilisation beginnt mit der
Priesterherrschaft
und endet mit der Demokratie", sagte Victor Hugo. In den USA fordert
ausgerechnet der Reaktionär Newt Gingrich "free surfing", freien
Zugang für alle zum Netz. Neu am Internet ist, daß
Priesterherrschaft und
Demokratie ihre Masken vertauscht haben. Der Bau ist
unübersichtlicher
geworden.
Klaus Kreimeier
1996