Glasfasern 8
Zu vermuten ist,
daß auch
die "spirituelle Sommer-Tanz-Freizeit für Frauen" auf Lesbos im
Stil
des einwöchigen Instant-Tourismus neben dem Sprachmüll, den
die einschlägigen
Annoncen in die Zeitungen schwemmen, nur die Plastikhalden an den
"uralten
weiblichen Kraftplätzen" wachsen läßt - und die
Therapiesucht, die der
biodynamisch-esoterische Dienstleistungsbetrieb den Köpfen
eingepflanzt hat.
Landauf, landab vermehren sich die Selbsthilfegruppen
Therapiegeschädigter, die
in offensichtlicher Verzweiflung Beratung gegen den Mißbrauch der
Beratung
suchen: Heilung von Deformationen, die ihnen Heilsversprecher
zugefügt haben.
So kommen auch
die Reisen
nach innen den Fluggesellschaften zugute, und der Therapiewahn
produziert
Süchte, die abermals Therapieangebote ins Kraut und Therapeuten
aus dem Boden
schießen läßt. "Was ist eine spirituelle Krise?" fragt
jemand in
einer Kleinanzeige und verspricht, an einem Info-Abend, pünktlich
um 19 Uhr 30,
"über Sinn und Unsinn dieser Krise" Auskunft zu geben. Unklar
bleibt,
ob Sinn und Unsinn der Krise, des Krisengeredes oder der Krisentherapie
gemeint
sind. Grammatische Verbrechen ("Lebe deine Seele!") und semantische
Unschärfen ("Lerne das Geheimnis des Loslassens!") gehören zu
den
verbalen Spiralen eines Marktes, der seine Kunden mittels Atemschulung,
Schleiertanz oder "intuitiver Tiefengewebsmassage" mal von der
Einsamkeit erlösen, mal zur "Aussöhnung mit dem inneren Kind"
bewegen
und mal zur Kampfmaschine umbauen will: "Der Krieger/Die Kriegerin
lebt!
Gib ihm/ihr Raum im spirituellen Kreis!"
Die wirklichen
Krisen und
Kriege der Gesellschaft, wie auch ihre tatsächlichen
Opfer, existieren auf dem Therapie-Markt nur
als Parodie: als schreibe unsere Zivilisation in diesen Kleinanzeigen
eine
Satire auf sich selbst. Eine Persiflage auf reale Notlagen, denen mit
rationalen Mitteln beizukommen wäre - aber auch Hohn auf
unabwendbares Leid,
dem keine Flucht, keine Reise ins innere oder äußere
Universum entkommen kann.
Inschriften eines Therapiewahns, die den Verdacht aufkommen lassen,
daß er
selbst ebenso wie die Verhältnisse, die ihn hervorgebracht haben,
möglicherweise unheilbar sind.
Klaus Kreimeier
1996