Glasfasern 5
Auch
läßt der massenhafte
Andrang "rundfunkähnlicher Dienste" in der
"Medienlandschaft" argwöhnen, daß über kurz oder lang
der Rundfunk
verschwinden wird. Nun gut, Landschaften verändern sich im Laufe
der Zeit, und
wo etwas verschwindet, entsteht eben etwas Neues. Es fällt
allerdings auf, daß
dieses Neue mit Vorliebe seine Ähnlichkeit oder gar seine
Identität mit dem Verschwundenen
anpreist. Dies bestärkt eher unseren Verdacht, daß mit dem
naturidentischen
Joghurt oder den rundfunkähnlichen Diensten sich nicht neue
Wirklichkeiten,
sondern - in kleinen Portionen, aber unaufhaltsam - Vorboten des Nichts
in
unseren Alltag schieben könnten.
Die Deutsche
Bahn AG hat,
was das Verschwinden betrifft, andere Wege eingeschlagen. So schafft
sie zum
Beispiel den Bahnsteigschaffner, den Mann mit Kelle und Trillerpfeife,
ganz ab
- ersatzlos sozusagen, ohne Wenn und Aber und ohne eine identische oder
auch
nur ähnliche Figur einzuführen. Der Mann kommt weg, das ist
Beschluß. Die Bahn
riskiert hier ganz bewußt einen Kulturbruch und verkündet,
daß eine Ära ein für
allemal zu Ende sei. Gleichzeitig jedoch führt sie ausgerechnet
den Gepäckträger,
den wir gemeinhin mit den Eisenbahnfilmen aus der Belle Epoque
verbinden,
wieder ein. Die großen Institutionen, die sich heute mit dem
Verschwinden des
Wirklichen befassen, sind also dieselben, die aus gegebenem Anlaß
alte, längst
verlorengeglaubte Wirklichkeiten wieder aus dem Hut zaubern. Und eben
dies: daß
hier gezaubert, daß hier etwas "virtualisiert" wird - das
bereitet
uns offensichtlich die meisten Kopfschmerzen.
Zu Ostern war
eine
"Sommer-Rodelbahn" im Thüringischen Wald wider Erwarten noch tief
eingeschneit. Man mußte die Anlage von den Schneemassen befreien,
um sie
termingerecht dem Sommerbetrieb zu übergeben. Einer
Sporteinrichtung, dazu
geschaffen, unter sommerlichen Bedingungen Winterfreuden zu simulieren,
wurde
der Winter ausgetrieben, um eben diese Simulation zu ermöglichen.
Eine doppelte
Virtualisierung des Wirklichen, in deren Verlauf Sommer und Winter
gleichzeitig
weggezaubert wurden. Möglicherweise verschwindet die Wirklichkeit
nicht, aber
sie wird zum Fake.
1996