Glasfasern 2
WUTSCHAUM
Ein Filmbericht
über einen
Minister, der durch den Rhein schwimmt, gebe über den Minister,
den Rhein und
die Politik so wenig her wie eine Fotografie der Krupp-Werke über
Krupp, rügt
Raddatz mit bildungsbürgerlichem Naserümpfen die
TV-Schmuddelredakteure und
empfiehlt ihnen, Brecht nachzulesen. Er sollte es selber tun, denn
Brecht hat
bekanntlich nicht von einem Krupp-, sondern einem AEG-Foto gesprochen.
Wer die
Wahrheit liebt, sollte gerade dann penibel sein, wenn er in ihrem Namen
gegen
die Verlogenheit des Fernsehens zu Felde zieht und so hehre Dinge wie
Würde und
Aufklärung einklagt. Inzwischen wissen wir, daß von diesem
Aufklärer gerade
soviel Aufklärung zu erwarten ist, wie sein offenbar explodierter
Zettelkasten
gerade hergibt.
Hätte
Raddatz im übrigen
etwas genauer über Brecht nachgedacht, so ahnte er, daß ein
dreiminütiger Film
über den rheindurchschwimmenden Minister Töpfer plus
Interview einen
Informationsreichtum enthält, der einen vorwiegend
Desinformationen
verbreitenden "Zeit"-Leitartikler vor Neid erblassen lassen
müßte.
Erinnern wir uns: Man sah den Rhein in einer bestimmten Jahreszeit, in
Farbe.
Man sah einen deutschen Minister im Badeanzug und mit Schwimmflossen.
Wenn man
den Ton abstellte (was bei der Lektüre eines Artikels von Raddatz
z.B. nicht
möglich ist), konnte man sich seine eigenen Gedanken machen und
seinem
Erstaunen über den Surrealismus der Aufführung freien Lauf
lassen. Stellte man
den Ton wieder an, erfuhr man, daß sich der Minister ganz andere,
jedenfalls
keine surrealistischen Gedanken machte. Seine Verlautbarungen hatten
etwas mit
unserer Umwelt und der Verschmutzung des Rheins zu tun. Die Kamera, die
uns
dieses Bild zeigte, zeigte auch eine andere Kamera, die gleichfalls auf
den
Minister gerichtet war, und erklärte uns so vermittels eines
hochgradigen
V-Effekts, daß das Ganze eine Inszenierung, der Minister ein
Schauspieler und
die zerstörte Umwelt nichts anderes als die Staffage für
einen politischen
Auftritt war.
Raddatzens
Schnauberei über
"Klamauk" und "Aufkläricht" in den Fernsehbildern ist
peinigend platt. Sie tappt ahnungslos mal hier, mal dort hin - wie
seine
Belehrungen über Goethe und Brecht. Kulturkritik als Topfschlagen
oder Blinde
Kuh-Spiel. Brecht hatte ja recht: eine Fotografie der AEG sagt nichts
über die
Ausbeutungsverhältnisse in der AEG. Aber das berühmte Foto
des Turbinenhauses
der AEG will nicht Ausbeutung zeigen, sondern für die Nachwelt
festhalten, wie
1909 das von Peter Behrens gebaute Turbinenhaus der AEG ausgesehen hat.
Heute
wissen wir etwas mehr über die Oberflächen unserer
Zivilisation und sind im Begriff,
sie lesen zu lernen. Leute, die lieber in die Tiefe steigen, reden zwar
von
Goethe, verstehen aber immer nur Bahnhof.
Klaus Kreimeier