Glasfasern 100
Prämillenar
Roger de Weck, Chefredakteur der Zeit, positioniert sich immer deutlicher als Vorreiter jener
journalistischen Massenbewegung, die zielstrebig und gutgelaunt, mal trickreich,
mal in schöner Offenheit, jedenfalls mit nicht mehr zu verheimlichendem Erfolg
auf die spurlose Abschaffung ihres Berufsstands hinarbeitet. Dies fiel lange
nicht Zeit nicht auf - allenfalls ließen seine Artikel erahnen, daß hier, im
scheinbar uneinnehmbaren Stammhaus aller journalistischen Tugenden, ein
Maulwurf begonnen hatte, seine Wühlarbeit zu verrichten und gleichzeitig eine
Art Revolution von oben einzufädeln: ein subversiver Kapitän, der ebenso beiläufig
wie beharrlich sein Schiff in jene Untiefen steuerte, in denen er es jetzt,
mit modischer Takelage, als rundumerneuerte
Galeere der flachen Gewässer präsentieren kann.
Den Kampf gegen die noch verbliebenen Reste des Journalismus
kann de Weck nun offensiver führen und gleichzeitig den staunenden Lesern
veranschaulichen, wie man so etwas macht: als eine Strategie der
Textverdrängung, die von den weißen Rändern ausgeht, von den Zeilenabständen
Besitz ergreift und mit Hilfe dessen, was in der Setzerkunst entsprechend
militaristisch „Durchschuß“ heißt, den Text in ein Sieb verwandelt, durch das
die Buchstaben hindurchgeschossen werden und ins Nichts davontaumeln. Des
Dichters Mallarmé Sehnsucht nach der absolut weißen Seite könnte mit de Wecks
Feldzug gegen den gedruckten und lesbaren Text in Erfüllung gehen. Freilich
wäre er nicht Chefredakteur, praktizierte er nicht eine Doppelstrategie. Soweit
er sich noch selbst journalistisch betätigt, unterwandert er seine eigenen,
glücklicherweise immer kürzer werdenden Texte mit Wendungen wie „Feuer und
Flamme“, „außer Spesen nichts gewesen“, „außer Krach nichts gebracht“ oder gar
„Millionen zukunftsorientierte Menschen“, um seinen Lesern klarzumachen, daß
es nichts Überflüssigeres gibt, als sie zu lesen.
In einem seiner letzten Leitartikel nun gab de Weck kund, daß
er Visionen hegt, die weit über das textbereinigte Zeitungsblatt hinausgehen -
propagierte er doch nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Abschaffung
der Empirie am Beispiel der Verpflanzung der Expo 2000 aus der mühsamen
Wirklichkeit bei Hannover ins lustige Internet. Nicht die neue Technik, die sie
nicht kennen, sondern deren zu Schleuderpreisen verkaufte Mythologie liefert
ja den Meistern der neuen Unbekümmertheit den notwendigen Schrott, um das
Nichts, mit dem sie jonglieren, ins Weltall zu multiplizieren.
Die Website der Expo
2000 ist schon heute eine beeindruckende Ansammlung von bunten Bildchen im Focus-Format, die außer dem Gebiß des
Sängers Pavarotti vor allem das trostlose, graublau vor sich hindämmernde
Baugelände an der Peripherie Hannovers zeigen. Bis zum Jahre 2000 werden noch
einige tausend Megabytes hinzukommen; „3 D-Spaziergänge“ und multimediale Links
gibt es heute schon. Und Sätze sind zu lesen, die de Weck umstandslos ins
Schatzkästlein der neuen Zeit-Prosa
aufnehmen kann: „Selbst nüchterne Zeitgenossen spüren das leichte Kribbeln
dieser von den Medien als ‘prämillenar’ bezeichneten Unruhe.“
Prämillenare Unruhe - das muß es sein, was auch Roger de Weck
umtreibt. Gründliche, noch nicht umgeschulte Zeit-Leser lesen seinen Artikel zweimal - und plötzlich wird
klar, daß sich der Chefredakteur nur einen neuen Trick ausgedacht hat, um das
Publikum darauf vorzubereiten, was kommen wird, wenn das makellose Weiß der
Zeitungsseite über den letzten Text obsiegt hat und eine neue, nun
post-millenare und post-journalistische Offensive ins Haus steht: der Zeit-Sprung ins Internet-Lay-out, mit
vorgetäuschten Hyper-Links und einer Flut briefmarkengroßer bunter Bildchen.
Klaus Kreimeier
1998