Glasfasern 95
Letale Werbung
Für einen
neuen Wasserkocher, diese Dinger sind ja ganz praktisch, hat jetzt eine
Düsseldorfer Werbeagentur einen TV-Spot entworfen, in dem die
Marke des
Herstellers als Symbol für einen eleganten
und hochwertigen Lebensstil präsentiert werden soll. In der
Branche nennt
man historische Projekte wie dieses einen emotionalen
Commercial, und der Gedanke, der dahintersteckt, ist wohl der,
daß man die
Zuschauer, aus denen man Wasserkocherkäufer machen will,
solange mit dem eleganten
und hochwertigen Lebensstil bearbeitet, bis sie sozusagen weichgekocht
sind und
begriffen haben, daß sie des eleganten und hochwertigen
Lebensstils erst dann
teilhaftig sein werden, wenn sie endlich diesen verdammten
Wasserkocher
gekauft haben. In der Werbung nennt man dies den „subkutanen
Effekt“, das
heißt, der Wasserkocher wird den Leuten unter die Weste gejubelt,
während sie
gleichzeitig mit dem eleganten und hochwertigen Lebensstil übers
Ohr gehauen
werden.
In den USA
verlaufen derartige Projekte neuerdings tödlich. Eine
Werbeagentur, die einen
Fruchtsaft unter die Leute zu bringen beabsichtigte, ließ in
ihrem emotionalen
Commercial zwei Rugbystars von einem 30 Meter hohen Wasserfall in die
Tiefe
springen. Botschaft: wer unseren Fruchtsaft trinkt, schafft es
mühelos, von einem
30 Meter hohen Wasserfall in die Tiefe zu springen. Nun besteht
das
ästhetische Geheimnis aller Werbespots darin, daß ihre
Autoren die eigene
Botschaft nicht nur bezweifeln, sondern schlichtweg für Wahnsinn
halten - wäre
dem anders, gäbe es keine Werbespots. Folglich engagierte man
zwar zwei reale
Rugbystars, ließ den Rest jedoch von der digitalen Tricktechnik
bewerkstelligen. Schließlich ist es durchaus möglich,
Fruchtsaft, welchen auch
immer, zu trinken, ohne sich hernach zu Tode zu stürzen.
Leider
haben vier junge Männer diese naheliegende Konsequenz nicht
gezogen, sondern
unter Verzicht auf alle technischen Tricks, also ganz leibhaftig, am
nämlichen
Wasserfall den Sprung in die Tiefe riskiert und sich
solchermaßen, durchaus
unfreiwillig, aus dem Leben ins Jenseits befördert. Die
Untersuchungen darüber,
ob sie zuvor den besagten Fruchtsaft zu sich genommen haben, sind noch
nicht
abgeschlossen. Doch wie immer das Ergebnis ausfallen wird: die letalen
Folgen der
Fernsehwerbung sind nicht mehr von der Hand zu weisen. Emotionale
Commercials -
dazu genügt ein Blick auf die gängigen Fernsehspots unserer
Automobilindustrie
- sollte nur rezipieren, wer zuvor eine hohe Lebensversicherung
abgeschlossen
hat. Und die um die Sicherheit der Staatsbürger besorgten Minister
sollten sich
vielleicht weniger um die Ausländerkriminalität als um die
Machenschaften der
Werbebranche kümmern.
Denn ganz
eindeutig ist hier eine Strategie auszumachen. Die Erfinder der
emotionalen
Commercials haben es darauf angelegt, diejenigen, die ihre Aussagen
überprüfen
wollen, einfach um die Ecke zu bringen. Ein Restrisiko wird dabei in
Kauf
genommen, denn es wird nicht zu verhindern sein, daß manch einer
draufgehen
wird, der den Botschaften Glauben schenkt und somit als
Käufer zu gewinnen
gewesen wäre. Da alles, was aus Amerika kommt, über kurz oder
lang auch bei uns
Schule machen wird, dürfen wir uns nicht wundern, wenn uns
demnächst ein
elektrischer Kocher gepriesen wird, den wir, als Anhänger des
eleganten und
hochwertigen Lebensstils, nicht nur in der Badewanne, sondern sogar
unter
Wasser bedienen können. Die Toten, die es unvermeidlich geben
wird, ließen
sich als Modernisierungsopfer von der Steuer abschreiben.