Glasfasern 89
Selbstreferenzen
Selbstreferentialität
kennzeichnet eine Kultur im Zustand der Überreife: Die Kräfte
sind erschöpft,
viel Originalität ist nicht mehr vorhanden, schweigend wiegen sich
auf morschem
Geäst noch ein paar alte Paviane von gestern und warten auf den
Tod. Im
kulturellen Überbau aber herrscht Krach wie im Affenkäfig; es
gibt zwar nichts
Neues, doch dafür muß noch die Bananenschale als Sensation
und Streitgegenstand
dienen - verweist sie doch darauf, daß da mal eine Banane war.
Die Stunde der
intelligenten Recycler bricht an, jener Jongleure mit dem
ausgeprägten
Fingerspitzengefühl für die Vibrationen der nächsten
Woche, die es verstehen,
aus den Fasern der Schale mit virtuosen Tricks, ironischer
Spiegelfechterei und
Zirkus-Instinkt wenn schon nicht die Banane selbst, so doch ihre
Idee aufs
neue erstehen zu lassen. So bleibt uns die Kultur, jedenfalls
in ihrer
Gestalt als ästhetisches Event,
erhalten - nur die Zeitabstände, in denen sie sich
selbstreferentiell parodiert
und ad absurdum führt, werden kürzer.
Wahrscheinlich
war Kultur immer selbstreferentiell - spätestens, seitdem es
Museen gibt. Doch
seitdem die Museen Erlebniskultur
veranstalten, ist die Neigung zum Zitat und Selbstzitat ins Requisit
gerutscht:
Die Rekonstruktion soll uns, die Besucher,
verführen, uns im Nachäffen eines Stils, einer Sprache, einer
Gestik zu üben,
die früheren Epochen gemäß waren - und sie will, da sie
subventioniert wird,
daraus gar einen Lerneffekt erzielen, der den gehobenen Ansprüchen Empathie, allen Beteiligten aber in
jedem Fall so etwas wie Kultur zum Anfassen, mithin Spaß
verspricht.
Im
Umbruchprozeß, der gegenwärtig die audiovisuellen Medien
zerpflügt, wird nun
die Geschichte der Kinematographie in die museale Glasvitrine geholt
und
sogleich zum selbstreferentiellen Kult- und Nostalgie-Objekt
hochgezüchtet.
Sicher, Marlene Dietrich war schon zu Lebzeiten ihr eigenes
Denkmal - und das
Gewerbe, dem sie diente, hielt es stets mit Glanz und Glamour, mit
kunstvoller
Lüge und aufgedonnertem Flitterkram. Doch die Dame selbst und sie
allein, ihr
nicht rekonstruierbarer Körper und die nur ihr eigene
körperbewußte
Intelligenz woben um sie herum jene singuläre Aura, die
mit ihr dahinschwand
und sich dem Gedächtnis der Epoche einschrieb - nicht den Dingen,
die sie
„hinterließ“.
Jetzt
aber wird ihre Hinterlassenschaft als teurer Talmi ausgestellt - und
mittlerweile
recycelt auch das Ritual der Ausstellung sich selbst. Nicht nur,
daß für
Marlenes gebenedeiter Krimskrams bei Sotheby Rekordsummen geboten
wurden - ihre
Kostüme, Requisiten und Juwelen wandern nun als
„hochkarätige Exponate“, so
eine Mitteilung des Deutschen Filmmuseums Frankfurt am Main, von
Stadt zu
Stadt. Nicht nur das: Auch „eine überarbeitete Neuauflage des
1996 anläßlich
der Dietrich-Ausstellung der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn
erschienenen
Katalogs ist in Planung.“ Auch die Kataloge - im Supermarkt der
kulturellen
Selbstreferenzen mittlerweile das ergiebigste Produkt und oftmals
komplexer als
die Ausstellung selbst - reproduzieren sich selbst, mit immer neuen
Fußnoten-Armeen, in denen, was einmal Kultur war, als
Gelehrsamkeit und
geronnener Sammlerfleiß aufmarschiert.
Inzwischen
wird schon die Gegenwart selbstreferentiell historisiert - denn
anders läßt sich
die Ausstellung des Filmmuseums Potsdam über Leben und Werk von
Götz George
wohl kaum bezeichnen, zumal bei der Eröffnung der Superstar selbst
anwesend war
und für sanfte Irritationen zwischen seiner medialen und realen
(oder
vielleicht doch nur virtuellen?) Existenzform gesorgt haben
dürfte. Neueste
Meldung: Manfred Krugs Leben wird verfilmt; der Schauspieler wird als
Erzähler
der Rahmenhandlung zu seiner eigenen Biografie zu sehen sein.
Produzentin ist
die Ufa - seit nunmehr achtzig Jahren die zentrale Fabrik für
deutsche
Selbstreferenzen, wie schaurig oder schön diese immer beschaffen
(gewesen) sein
mögen.