Glasfasern 84
Unknown
„Gott“ - so steht es
groß am Straßenrand. Gelbe Lettern auf
rosafarbenem Grund, auf einer Stelltafel, schlicht und einfach: Gott.
Desgleichen auf der Rückseite, in rosa Schrift auf gelbem Grund:
Gott. Mitten
im innerstädtischen Stau, sichtbar in beiden
Verkehrsrichtungen, steht dieser
Gott mit seinem jeweiligen Gegen-Gott. Im Sinne der monotheistischen
Grundlagen
unserer Kultur wollen wir einmal annehmen, daß nur der Eine, der
Allmächtige
gemeint sein kann, nur unterschiedlich eingefärbt. Die Automobile
schleppen
sich an Gott vorbei, im Schrittempo; niemand sieht sich genötigt,
um Himmels
willen eine Vollbremsung zu riskieren.
Großer Gott - warum
ausgerechnet „Gott“? Gewiß - nun, da der
Nebel fällt und die Steuerreform endgültig gescheitert ist, gibt es tausend und abertausend Gründe,
ihn
anzurufen, wenngleich die Aussicht auf ein Feed-back äußerst
gering ist. Hier
aber, eingekeilt im Verkehrsgewühl, am Rande einer
Großbaustelle, eingehüllt in
Teerdämpfe, umdröhnt von Preßlufthämmern,
Kreissägen und lustlos brummenden
Motoren - sieht es nicht so aus, als schreie ER uns
an, um Hilfe möglicherweise oder in irgend einer Notlage, die
ihn gezwungen hat, unsere Augen mit Farben zu peitschen, mit denen
üblicherweise Kaugummi- oder Waschpulverhersteller werben? Fleht
er uns etwa
an, SEINER nicht zu vergessen und, in Betrachtung der verrinnenden
Lebenszeit
im Stau, nicht an Kaugummi oder Waschpulver, sondern an IHN zu denken,
jedenfalls bis zur nächsten Ampel oder auch nur eine
Wagenlänge lang?
Vielleicht aber
verhält sich alles ganz anders. Der Herr
sendet Zeichen und Wunder - warum sollte er sich nicht der
Signaturen des
Marktes bedienen? Oder eine neue Gnosis dämmert uns, eine Bewegung
dialektisch
geschulter und PR-trainierter Mystiker, die Gott in schreienden
Farben dem
Stadtbild einschreiben, um ihn auf immer verschwinden, ihn in der
Inflation der
Daten verdampfen zu lassen. 53302mal gibt es Gott allein im
deutschsprachigen
Internet, aber schon eine x-beliebige
amerikanische Suchmaschine bietet
dem wirklich entschlossenen Gottsucher zur Zeit mehr als 900 000 Links
an.
Der Herr narrt uns mit der
unüberschaubaren Fülle seiner
elektronischen Präsenz - und zieht sich in die Pixel-Nebel
des digitalen
Kosmos zurück, ein deus absconditus,
der im Virtuellen die heute zeitgemäße Form gefunden hat,
sich unkenntlich zu
machen oder vielmehr: sich aus der Affäre zu stehlen. Die
Homepage einer mystischerweise
unter „unknown“ geführten Web-Adresse
(http://valo.uta.fi/projektit/SOCAPEXNET/god)
zum Beispiel zeigt bildschirmfüllend, silbergrau auf
rabenschwarzem Grund, die
drei Lettern GOD, aus der Nacht auftauchend oder, wahrscheinlicher
noch, in
ihr verschwindend. Man kann Gott anklicken, landet aber bei der
PR-Agentur
einer gut organisierten finnischen Künstlergruppe.
Klaus
Kreimeier