Glasfasern 83
Reformen
In allen
Lüften hallt es wie Geschrei: „Nichts bleibt,
wie es war!“ Doch längst nistet dieses etwas unheimliche
Gefühl in der
Magengrube und in den Gehirnwindungen und hat die beklemmende
Eigenschaft, mal
offen, mal subversiv Krieg gegen die Trägheitsneigungen in uns zu
führen, gegen
den Philisterwunsch, es möge alles so bleiben, wie es ist.
Neuerdings kommen
die Anfeuerungsrufe der Veränderungspolitiker hinzu, doch
möglichst mobil, flexibel und
(selbstverständlich)
dynamisch auf die Anforderungen einer
ganz neuen Sozialordnung, der wissensbasierten
Gesellschaft, zu reagieren - während diese Fanatiker des total changing selbst nichts anderes im Sinn haben, als
unverändert
in ihren Machtpositionen zu verbleiben und dort, so Gott will, dick und
fett zu
werden.
Gehorsam füttere ich
meinen Computer mit der neuesten
Version des Internet Explorers - und stelle fest, daß mir
das stundenlange Downloaden schon auf die Nerven geht:
So
gut bin ich bereits auf Tempo, Dynamik und das existenznotwendige Chaos
auf
meinem Schreibtisch programmiert. Wo kein Orkan ist, tritt mit
Sicherheit
sofort die absolute Windstille ein, Stagnation und Tod oder zumindest
die
Gewißheit, auf dem Abstellgleis zu verrotten.
Goethe hatte es noch gut.
1792, bei der Kanonade von
Valmy, gab er bekannt, „von hier und heute“ gehe eine neue Epoche der
Weltgeschichte aus; dann wurde er Geheimrat und Olympier, in Europa zog
die
Restauration ein, und der nächste Epochenbruch ließ erst
einmal auf sich
warten. Inzwischen haben wir den Eurofighter und das
Digitalfernsehen, den
Transrapid und den elektronisch herbeigeführten Börsenkrach.
Irgendwann müssen
die Intervalle zwischen den Weltveränderungen kürzer geworden
sein - so kurz,
daß es heute genügt, eine Zeitung aufzuschlagen und die
Stellenannoncen oder
das Kinoprogramm zu überfliegen, um festzustellen: Schon wieder
hat sich die
Welt vollständig umgekrempelt! Die Kurzatmigkeit, mit der ein cultural change dem anderen folgt, ist
erstaunlich - zumal die wirkliche und fundamentale Transformation,
die von den
transformation managers gefordert
wird, offenbar doch ausbleibt, weil die meisten Leute zwar einen
Mann wie Bill
Gates anhimmeln, sich aber eher unter dem Sofa verkriechen würden,
als seinem
Tempo zu folgen.
Klar, daß alles
anders werden muß; so wie es ist, kann
es nicht bleiben. Viele Entscheidungsträger geben sich ja auch
redlich Mühe, um
mit ihren Reformvorschlägen den Eindruck zu erwecken, daß
kein Stein auf dem
anderen bleiben darf. Aber entweder taugen die Reformen nichts, oder
sie werden
vom Publikum nicht angenommen - als
wäre dieses ein halbblinder Hofhund, der das beste Stück
Fleisch verweigert.
Was ist vom großen Umbau der Wirklichkeit zu halten, wenn man zum
Beispiel das
Schicksal der neuen Ladenschlußzeiten oder der Rechtschreibreform
in Betracht
zieht? Die Reformen greifen nicht,
sagen diejenigen, die sich etwas dabei gedacht haben müssen. Dann
verfallen
sie auf eine neue Idee, ohne jedoch einen Gedanken an die Marxsche
Erkenntnis
zu verschwenden, daß eine Idee nur dann zur „materiellen Gewalt“
wird, „wenn
sie die Massen ergreift“.
So gesehen, ist der
Ideenhimmel ziemlich leer. Lauter
Epochenbrüche um uns herum, die beim kleinmütigen
Herumbasteln unterlaufen,
ohne daß die Bastler so recht begriffen, was sie da
eigentlich anrichten. Die
wissensbasierte Gesellschaft wäre ja eine schöne Sache -
müßte man nicht den
Verdacht hegen, sie könnte ein ähnlicher Pfusch werden wie
die neuen
Ladenschlußzeiten oder die Rechtschreibreform.
Klaus Kreimeier