Glasfasern 75
Klau-Geographie
Polen ist Spitze,
jedenfalls im Autoklau. Man ahnte es schon
längst, aber jetzt hat es der
Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft statistisch hieb-
und
stichfest - welche Statistik könnte sicherer sein als die der
Versicherer ? -
nachgewiesen: Von 15200
deutschen Autos, die im vergangenen Jahr im Ausland als gestohlen
gemeldet
wurden, verschwanden allein 6240 in Polen oder vielmehr in den diesem
Land
volkstümlicherseits zugeschriebenen Wirtschaftsverhältnissen.
Sie
„verschwanden“ dort, will sagen: die Statistik gibt uns
selbstverständlich
keine Auskunft über solche Autos, die magischerweise verschwanden,
weil sie von
ihren (deutschen) Eigentümern ebenso gewinnbringend wie
versicherungsbetrügerisch
verscherbelt wurden. In Anbetracht unserer im Gegensatz zu
anderen Wirtschaftszweigen
glanzvoll boomenden Automobilindustrie verdient ja nicht nur
die Zahl der
geklauten, sondern auch die der scheinhaft zum Verschwinden gebrachten
Vehikel
durchaus unseren Respekt - beweist sie doch ein industrie- und
standortförderliches
Bewußtsein, von dem sich nicht nur die Polen eine
Scheibe abschneiden können.
Wie dem auch sei : Polen
ist Spitze; erst danach kommen jene
ehemals russifizierten Gegenden, die schon immer einigermaßen
mitteleuropäisch
waren, wie z.B. Ungarn, wo nur 2210 Kraftfahrzeuge mit deutschen
Kennzeichen
abhanden kamen. Immerhin wesentlich mehr als in Italien (1260), wo
möglicherweise die „mani puliti“ nicht nur Andreotti an
die Gurgel gefahren
und der Mafia in die Quere gekommen, sondern auch den Autodieben auf
die Nerven
gegangen sind. Daß in Frankreich nur 600 deutsche Autos geklaut
wurden, mag für
Frankophile wie notorische Franzosenhasser gleichermaßen ein
ewiges Rätsel
bleiben. „Relativ sicher“, so die Versicherer, sei Österreich mit
gerade 50
vermißten Autos, die man im Gedanken an den Anschluß
von 1938 ohnehin
verschmerzen kann; auch die Schweizer Diebe haben, neben dem Nazigold,
schließlich nur 20 (in Worten: zwanzig) deutsche Blechkisten
einbehalten.
Was hilft uns diese
Statistik? Eine ganze Menge. Von
Zentral-Europa aus entwirft der Gesamtverband der Deutschen
Versicherungswirtschaft so etwas wie eine Klau-Kartographie, die uns
belehrt,
wie Europa, immer den entschwundenen Autos folgend,
vernünftigerweise
zusammenwachsen könnte. Die „relativ sicheren“ Gebiete sind
sowie schon
eingegliedert - die Schweiz mag sich da sträuben, wie sie will.
Ebenso wie es
eine Kern-Schweiz gibt, gibt es ein Kern-Europa; das eine wie das
andere
zeichnet sich dadurch aus, daß deutsch gesprochen wird und
besonders viele
deutsche Automobile herumrasen. Vielleicht sollte auch unser Kanzler,
der sich
um die Verbreitung unserer Sprache Sorgen macht, einfach den Autodieben
(und
Versicherungsbetrügern) freie Bahn schaffen, um dem
europäischen Haus, an dem
ihm soviel liegt, ein solides Gerüst aus deutschem Blech
einzuziehen.
Komme, was kommen mag:
Europa wird erst dann
zusammengewachsen sein, wenn die Peripherieländer die
Gegenrechnung aufmachen
und addiert werden kann, wieviele polnische Autos in Deutschland oder
wieviele
ungarische in der Schweiz geklaut werden. Auch der Vergleich
Frankreich-Italien
wäre interessant; beide Länder haben neben gutem
Fußball auch gute Autos
anzubieten, so daß die Klau-Rate möglicherweise über
die wirkliche und wahre
Hegemonie auf unserem alten Kontinent entscheiden könnte.
Klaus
Kreimeier
1997