Glasfasern 74
Über Bilder
Ein Bild
des Grauens,
so will
es ein als Journalistenpoesie in Verruf geratener Jargon, bietet sich
den
professionellen Augenzeugen stereotyp, wenn ein Flugzeug
abgestürzt, ein Hotel
niedergebrannt, eine Autobombe mitten in einer Menschenmenge
explodiert ist.
„Ein Bild des Grauens“ sagt auch die Stimme des Ansagers im
Fernsehen stets
dann, wenn es ohne seine Stimme nichts gäbe als die Bilder
selbst (und die O-Töne des Grauens, die das
Mikrofon
eingefangen hat). Die Stimme des Ansagers ist hinter, neben oder
über den
Bildern; sie hat - ganz anders als das abgebildete Grauen - keinen Ort.
Was sie
sagt, hat sich abgelöst von der Person, der die Stimme
gehört, und es ist
losgelöst von der Zeit, in der es gesprochen wurde. Die Stimme
repräsentiert,
strenger als geschriebene Bildlegenden, ein Gesetz, ein
Machtverhältnis; sie
verteidigt die Vormacht der Sprache gegenüber dem Bild, den Sieg
der
Zivilisation über das Chaos. Die Stimme, die das Bild des Grauens
ansagt, sucht
zu verhindern, daß unser Blick, gleichsam durch das Bild
hindurch, des Grauens
ansichtig werden und unser Verstand an der Zivilisation
verzweifeln könnte.
Sprache, die Gesehenes in
Bilder zwängt, domestiziert den
Blick, hält ihn in Quarantäne. Eine Katastrophensituation ist
das Grauen
selbst, keine Bilderwerkstatt. Augen-Zeuge ist, im strikten Sinn, nur
der, der
dem Grauen in actu gegenübersteht,
ohne an Bilder zu denken, in denen es
bereits abgelagert, ad acta gelegt
ist. Aber so funktioniert unser Wahrnehmungsapparat nicht. Wir
verfügen über
ein inneres Archiv, ein Reservoir des optisch Unbewußten,
eine perfekt verwaltete
optische Bank, die uns mit Assoziationen und Erinnerungen,
vor allem aber:
mit Sprache versorgt. Die Wendung „ein Bild des Grauens“ reguliert
umgangssprachlich, in den oberen
Verwaltungsetagen unseres Bewußtseins, die geordnete Transaktion
zwischen dem
Schock des Augenblicks, seiner (bildlichen) Zeichengestalt und
unserem
Vermögen, Wahrgenommenes zu verarbeiten.
Allen Bildern, die wir
heute kennen (von den technisch
produzierten ganz zu schweigen), ist die Geschichte unserer Sprache und
unseres
Sprechvermögens vorgelagert: es gäbe sie nicht, wenn wir
nicht sprechen
könnten. Das Problem der Bilderflut,
so der Filmautor Heinz Emigholz, besteht darin, daß es zu viele
Bilder gibt,
die sich sprachlich auf den Nenner bringen, zu Worten „verkleinern“
lassen.
Ihnen stehen nur wenige gegenüber, die eine Ahnung davon
enthalten, wie Bilder
aussehen würden, wenn wir nicht die Sprache hätten.
Seltsamerweise ist es
gerade die Bildtechnik der Fernsehwerbung, bei der man oft „das Bild
erst
gleichsam in sich drehen muß, um herauszubekommen, um was es
geht“ (Niklas
Luhmann), die mit dieser Ahnung artifiziell und effektbewußt zu
spielen
scheint, obwohl sie uns keineswegs in Abgründe schleudern, sondern
allenfalls
eine „spezifische Ungewißheit“ erzeugen will, die wiederum ein
spezifisches
Interesse wecken soll.
„Ein Bild des Grauens“ -
Wendungen wie diese drücken Bildern
einen Sprach-Stempel auf, die bereits selbst die Wirklichkeit
bild-sprachlich
abgestempelt haben. Wenn jetzt einige Theoretiker das „große
stille Bild“ als
Monument der Einkehr und des Innehaltens gegen die televisuelle
Raserei der
Ein-Wort-Bilder aufrichten wollen, kommen auch sie an jenem
Mechanismus nicht
vorbei, der in einer bereits längst versprachlichten
Wirklichkeit die
Fotografie hervorgebracht - und ihre Rezeptionsweise versprachlicht
hat.
Beinahe jedes Bild ist, für sich genommen, „groß“ und
„still“ - aber es wäre es
nicht, wenn wir nicht in der Sprache leben würden.
Klaus
Kreimeier
1997