Glasfasern 69
Anchorman
Ulrich Wickert, der Herr
der „Tagesthemen“, in asiatischer
Nacht, expressionistisch-hohlwangig, schlotternd im gelbverschossenen
Leinenanzug, Regen prasselt auf die gespenstisch ausgeleuchtete
Gestalt. Seine
Worte verweht der Wind; obendrein zerschabt ein jammerndes
Krächzen in der
Leitung seinen wie stets kunstvoll verhaspelten Kommentar. Ein Bild wie
aus
einem frühen Stummfilm des schauerromantischen Genres, den man mit
einer
zerkratzten Tonspur versehen hat: als wäre in China
Walpurgisnacht, wo nicht
gar Weltuntergang.
Melodramatischer und
verwackelter war der Machtwechsel in
Hongkong kaum zu moderieren. Was hatte die ARD bloß verleitet,
nicht nur nahezu
ihre gesamte Reporter-Elite, sondern auch ihren prominentesten anchorman, als verkörperte „Schnittstelle“
aller Nachrichten dieser Welt, an deren äußersten Rand zu
kommandieren? Hätte
eine Live-Schaltung aus dem Studio in Hamburg ans Südchinesische
Meer dem
Phänomen der „Telepräsenz“ nicht bessere Dienste geleistet?
So aber stand Wickert im
Regen - trostlos vereinsamt vor
nächtlich-konturenloser Kulisse, die, seinen Worten
zufolge, die Skyline
Hongkongs vorzustellen hatte und doch nur ein Geflacker
unbestimmbarer
Lichtflecken war - kaum anders als die windgepeitschte Elbmündung
gegen
Mitternacht. Ein in die Fremde und die Nässe verpflanzter
Entertainer, der
überdies noch die Berichte vom Tage aus Deutschland anmoderieren
mußte, was nun doppelt exotisch wirkte, weil sich dem
Zuschauer die
heimtückische Frage aufdrängte, was Wickert ausgerechnet in
Hongkong über den
betrügerischen Großbankrotteur Schneider und die
neuesten neonazistischen
Umtriebe in Lübeck in Erfahrung gebracht haben mochte.
TV-Berichterstattung als
angewandter Surrealismus. Der Trick
des LiveMediums, der ja darin besteht, den Nachrichtenmann an
jedem beliebigen
Ort der Welt so zu postieren (und zu beleuchten), als sei er die
zentrale
Instanz des globalen Geschehens und brauche nur mit den Fingern zu
schnippen,
um die unkonzentriert durch die Lüfte schwirrenden news
auf sich zu lenken, sie virtuos zu bündeln und mit
demiurgischer Eleganz in den Äther und zu den Rezipienten zu
senden - dieser
Trick funktionierte nicht mehr, weil er plötzlich als Machination,
als erklügelte
Maschinerie, ja: als selbstgefällige Masche durchschaubar wurde.
Ein anchorman, der so
aussieht, als habe man ihn, in allzu
wörtlicher Übersetzung seiner Berufsbezeichnung, des Nachts
an einer
unwirtlichen Küste von Bord geworfen und erwarte nun seine
Meldungen aus der
Brandung, erheischt das Mitgefühl seines Publikums - aber er
zerschlägt das
Konzept. Seiner übersinnlichen Kräfte beraubt, fügt er
freilich dem
elektronischen Realismus des Mediums unversehens eine metaphysische
Dimension
hinzu, die an die strampelnden Clowns auf der Bühne Samuel
Becketts denken
läßt. Ähnlich wie sie, gebückt und gebeutelt,
kroch Wickert nach seinem letzten
verstotterten Satz aus dem Bild, das Trockene suchend. Hongkong war zu
diesem
Zeitpunkt seit elf Minuten dekolonisiert.
Klaus
Kreimeier
1997