Glasfasern 66
Als ob
Es gibt eine Lust an
virtueller Kriegsführung, die der
derzeit erreichte Stand der gesellschaftlichen Entwicklung in den
Industrieländern hervorgetrieben hat und deren
Gefährlichkeitsgrad gegenwärtig
noch schwer bestimmbar ist. Daß in den Tagen vor dem
europäischen Gipfeltreffen
in Amsterdam Plakate auftauchten, die zur Ermordung hochrangiger
Konferenzteilnehmer aufriefen, gehört zu den Phänomenen, die
uns die
Sozialforschung noch nicht plausibel erklären kann. Man sah die
Köpfe der
Staats- und Regierungsrepräsentanten im Visier einer
Schußwaffe, darunter die
Aufforderung: "Suche und zerstöre. Nutze deine Chance und mache
Geschichte."
Die Polizei wolle die
Plakate umgehend entfernen,
versicherten die Agenturen. Dies geschah offensichtlich - doch
daß mit der
Entfernung der Plakate auch das soziale Phänomen beseitigt worden
sei,
vermochten uns glaubwürdig weder die Reporter noch die
zuständigen
Ordnungskräfte zu versichern. Linksterrorismus? Rechtsterrorismus?
Die
traditionelle Sitzordnung der bürgerlichen Parlamente ließ
sich noch nie schematisch
auf jene zu allem entschlossenen Desperados übertragen, die es
darauf anlegten,
mit den Parlamenten die jeweilige Gesellschaftsordnung in die Luft zu
jagen -
selbst wenn sie in ihren Verlautbarungen „linken“ oder „rechten“
Theoriemüll
kolportierten.
Die neuen, vorerst
potentiellen, das heißt: einer Vorstellung
von einem Terrorismus der Zukunft anhängenden Terroristen
scheinen es überdies
darauf abgesehen zu haben, „Geschichte zu machen“ - ein Motiv, das
alarmieren
sollte in einer Situation, in der immer mehr Menschen aus dem
Arbeits- und
somit, im weitesten Sinne, aus dem historischen Prozeß
ausquartiert werden,
während ihnen die Medien suggerieren, sie könnten jederzeit,
wenn sie es denn
nur wollten, im Mittelpunkt des globalen Entertainments,
also weltweiter
Aufmerksamkeit stehen.
Den
Entertainment-Charakter der virtuellen Kriege in unserer
Gesellschaft enthüllte ein anonymer Erpresser, der - nur einen Tag
nach den
beunruhigenden Nachrichten aus Amsterdam - die Polizei von Rostock in
Atem
hielt und die Innenstadt, nach deren Evakuation, vier Stunden lang in
eine
menschenleere Einöde verwandelte: als wäre der
Zerstörungstraum, das geheime Zentrum seiner
Obsessionen, bereits realisiert. Tatsächlich
wurde in einer
Einkaufspassage ein „bombenähnlicher Gegenstand“ entdeckt, der
sich erst nach
seiner sicherheitshalber vorgenommenen Sprengung als eine in Tuch
gewickelte
Attrappe entpuppte. Die angedrohte Explosion fand statt, aber sie wurde
von den
Sicherheitskräften durchgeführt.
Die Anonymität, in
welcher der Täter - wenn er denn einer ist
- bis heute verharrt, verweist auf die seltsame Begier, „Geschichte zu
machen“,
aber hinter ihren Kulissen versteckt zu bleiben. Hinter den
Politik- und
Sozial-Attrappen, die zum Beispiel von Gipfelkonferenzen und
Einkaufspassagen
gestellt werden. Diese fatale Lust könnte wirklich Geschichte
machen.
„Bekennerbriefe“ wird es nicht mehr geben - dafür
virtuelle Anschläge auf den
virtuellen Zauber, in den uns die Politik und die Werbung einspinnen
wollen.
Hier wie dort wird mit dem Als ob gespielt
- bis es, da beim Terror die Grenzen nicht kalkulierbar sind, wirklich knallt.
Klaus
Kreimeier
1997