Glasfasern 65
Schneisen
Als Baron Haussmann in den
fünfziger Jahren des 19.
Jahrhunderts dem noch gotisch verwinkelten, mittelalterlich
verwachsenen
Stadtkörper der französischen Metropole einen neuen,
imposanten Knochenbau
verpaßte und von den zentralen Plätzen aus sternförmig,
kreuz und quer durch
das Pariser Häuserdickicht die Schneisen seiner breiten Boulevards
bis hinaus
in die Faubourgs schlagen ließ, galt es nicht zuletzt, der
Militärmacht unter
dem dritten Napoleon im Krisenfall den Auf- und Durchmarsch in
Gefechtsordnung
gegen das rebellische Proletariat im Osten der Stadt sowie den
erforderlichenfalls einzusetzenden schweren Artilleriegeschossen
eine
ballistisch einwandfreie Flugbahn zu sichern.
Als jüngst der
Auftritt des Pop-Stars Michael Jackson im
Müngersdofer Stadion zu Köln am Rhein erwartet wurde und das
städtische
Grünflächenamt etliche Bäume am Aufgang zur
Südkurve fällen ließ, lautete die
behördliche Begründung für diesen Kahlschlag, es gelte,
„unerwarteten Panik-
und Hysterie-Attacken“ vorzubeugen. Für den Fall des
Ausbruchs des offenbar
zwar nicht Erwarteten, aber wohl doch Befürchteten seien die
„Fluchtwege zu
verbreitern“ und dergestalt ein „plötzliches Entleeren des
Stadions“ zu
ermöglichen. Eine Novellierung der
„Versammlungsstätten-Verordnung“ hatte der
Maßnahme zuvor die notwendige gesetzliche Grundlage
geschaffen. Post festum
war nicht zu vernehmen, daß die Fluchtwege einer
Bewährungsprobe ausgesetzt
waren; Haussmanns Boulevards hingegen erwiesen, als 1871 die
Commune
zusammengeschossen wurde, Thiers’ Kanonen den ihnen zugedachten Dienst.
Dem sachdienlichen Umbau
von Paris im Zeichen des Empires
folgten diverse Projekte, Berlin nach Maßgabe cäsaristischer
Wunschprojektionen
umzumodeln, im Kaiserreich und wenig später unter den
Nationalsozialisten. Der
Zerbombung der Städte folgte ein Wiederaufbau, der, zumal in
Köln, zur zweiten
Zerstörung geriet. Den Klassenkämpfen folgten die Open
Air-Konzerte, den
Diktatoren die Pop-Stars, die heute die Großstadien unserer
Städte dermaßen
beängstigend füllen, daß für den Notfall
über deren „plötzliche Entleerung“
nachgedacht und angemessene Vorsorge getroffen werden muß.
Das Sonderbare daran ist,
daß die elektronischen
Übertragungstechniken, denen Michael Jackson und andere
synthetisierte
Lichtgestalten des Entertainments ihre überdimensionale
Anziehungskraft
verdanken, gleichzeitig die Entleerung der Innenstädte
vorantreiben und das
Ende der urbanen Kultur beschleunigen. Andererseits ist durchaus
vorstellbar,
daß Ikonen wie Jackson eine solche Übergröße
erlangen, daß für sie nicht nur
Bäume sterben, sondern ganz neue Triumphstraßen ins
Weichbild der postmodernen
Städte geschlagen werden müssen: Schneisen, die zu den
futuristischen
Weihestätten führen, auf deren Großbildschirmen die
frenetischen Massen ihr
Idol und sich selbst als Hyper-Videoclip in Echtzeit widergespiegelt
finden.
Spätetestens seit
Baron Haussmann könnte man die
Versammlungsstätten-Verordnungen auch Schneisen- oder
Kahlschlag-Verordnungen
nennen. Geblieben ist die Angst vor dem Erwartet-Unerwarteten: vor
„Panik- und
Hysterie-Attakken“, sei’s aus sozialer Not, sei’s aus
postmoderner
Götzenverehrung. Geblieben ist der Bedarf nach leergefegten
Terrains: für
kopflos flüchtende Massen und für die Ordnungskräfte,
die je nach Lage der
Dinge zur Sicherung der Fluchtwege oder zur Einkesselung der
Flüchtenden
bereitstehen.
Klaus
Kreimeier
1997