Glasfasern 63
Detected
Über den Pharao
Tutanchamun, der um 1350 vor unserer
Zeitrechnung in Ägypten herrschte, wissen wir weniger als
über spätere gekrönte
und ungekrönte Machthaber, doch immerhin ist nun zweifelsfrei
erwiesen, was von
der Geschichtsschreibung bisher nur als Vermutung kolportiert
wurde und des
vereinten Scharfsinns eines emeritierten Medizinprofessors und
eines
pensionierten Scotland-Yard-Detektivs bedurfte, um als Tatsache in die
Annalen
der Universalgeschichte aufgenommen zu werden - nämlich daß
eiskalter Mord,
begangen von seinen Nachfolgern, dem Wesir Ay (auch Eje)
und dem Armeechef
Horemhed (auch Haremheb), dem Leben des Potentaten ein jähes
Ende setzte.
Gerichtsmedizinische Akribie, gestützt auf Röntgenaufnahmen,
brachte an den Tag,
daß eine Fraktur am Schädel der Mumie nur von einem
scharfkantigen Gegenstand
herrühren könne, mit dem das noch jugendliche Herrscherhaupt
in ebenso heftige
wie meuchlerische Berührung gebracht wurde, und zwar von
einem oder mehreren
Tätern, die keineswegs nur an der Nachfolgeschaft, sondern an
gravierenden
sozialen Einschnitten in die Privilegien der bis dahin über
Land und Boden
herrschenden Aristokratie (natürlich zugunsten des
Königshauses) sowie an der
Abschaffung des von Tutanchamun etablierten Sonnenkults
interessiert waren.
Daß wir solche
Gewißheit zwei in den Ruhestand versetzten,
jedoch um so emsigeren britischen Kriminologen verdanken,
verdoppelt
sozusagen den ohnehin beträchtlichen mythischen Inhalt
der Nachricht - denn
wer dächte nicht sofort an den unsterblichen Sherlock Holmes und
seinen
gewitzten Adlatus Dr. Watson oder an die frühen
gerichtsmedizinischen
Meisterleistungen Scotland Yards, dessen düsterer Bau dank Arthur
Conan Doyle
dem imaginären Museum unserer inneren Bilder ebenso
angehört wie die
ägyptischen Pyramiden? Bedenkt man des weiteren, daß die
spezifische
Atmosphäre eines Novemberabends im Londoner Gaslicht unsere
Vorstellung von
kriminellen Umtrieben und ihrer Aufklärung nicht minder
geprägt hat als die
Sonnengottheiten des Vorderen Orients unser Bild vom zweiten
vorchristlichen
Jahrtausend, so löst sich die Zeitungsnotiz über die
endlich gewonnene Sicherheit
in der Frage des Todes von Tutanchamun nicht nur in jenen
Kriminalroman auf,
als welchen wir die Weltgeschichte ohnehin zu betrachten haben -
sie erweist
sich vielmehr als ein rundum mythologischer Text,
der die Ansammlung sorgsam
zusammengetragener Fakten sanft verschwimmen läßt und der
vagabundierenden
Spekulation freien Raum gewährt. Was hindert uns, zum Beispiel,
daran, hinter
den Recherchen jenes erfolgreichen Londoner Rentner-Duos Auftraggeber
zu
argwöhnen, die, vielleicht gar in direkter Linie vom Ermordeten
abstammend,
sich in den Besitz der unermeßlichen
Reichtümer seiner Schatzkammer zu bringen
trachten, um die seinerzeit durch einen medienpolitischen Handstreich
außer
Kraft gesetzte Sonnenreligion in Gestalt eines elektronischen Imperiums
wiedererstehen zu lassen, das alles in den Schatten stellen
könnte, was Bill
Gates je geschaffen hat?
Jedenfalls verwundert es nicht, daß wir just in diesen Tagen der AntiVirus-Software von IBM entnehmen können, daß sich unter den 207 neuen Computer-Viren, die derzeit den Textdateien von Microsoft zu schaffen machen, ein Monstrum befindet, das die Bezeichnung Tutanchamun 1034 trägt. „Detected, identified, but not yet removed“: das läßt sich gleichmaßen von resistenten Viren wie von hartnäckigen Mythen sagen.
Klaus
Kreimeier
1997