Glasfasern 58
Nil nisi bene?
„De mortuis nil nisi bene“ - der Grundsatz, daß über die Toten nur Gutes zu verlauten habe, wird von Diogenes Laertius auf Chilon, von Plutarch auf Solon zurückgeführt. Offenbar will es wieder einmal niemand gewesen sein. Wie auch immer - uns Nachgeborene ereilte die hehre Maxime in ihrer römischen Version; sie ist aufgeladen mit Erinnerungen an unseren Lateinunterricht und an diejenigen, die ihn erteilt haben. Eine Weisheit jedenfalls, die von den „Alten“ stammt und somit ihre eigene Unanfechtbarkeit im Funkeln einer zu Sprachglanz geronnenen Grammatik zelebriert. Ein Zitat-Juwel, das den Zitierenden adelt und den Zuhörern sanfte Zustimmung abzwingt, zumal es beide Seiten davor bewahrt, über seinen Inhalt nachzudenken.
Denn mit diesem kann es
nicht gerade weit her sein. Der
Leitsatz, daß jeder, der auf dieser Welt gelebt hat, eines
freundlichen
Eingedenkens würdig sei, ist aller Ehren wert und mag
gewiß für Grabredner
taugen - wenngleich bei manchem Massenmörder der
Weltgeschichte schon der Atem
stockt und man sich besorgt fragt, in welche Gewissensnöte ein
Priester geraten
kann. Daß, zum Beispiel, die Gebeine Adolf Hitlers,
sofern es sie gibt, auch
in aller Zukunft keine Bestattung erwarten dürfen, hat
zweifellos seinen
Sinn. Die Lehre Solons (oder wer
immer
es gewesen sein mag) zerschellt an diesem Beispiel in tausend
Stücke.
„De mortuis nil nisi bene“
- die Formel, nähme man sie beim
Wort, würde Geschichtsschreibung nicht nur zensieren, sondern
sie als Kategorie
unserer Welterkenntnis unmöglich machen. Plutarch und
Diogenes Laertius waren
Historiker und insofern gut beraten, sich von dem hehren Grundsatz
indirekt zu
distanzieren, indem sie ihn längst entrückten
Altvorderen aus dem 6.
Jahrhundert vor Christus zuschrieben. Solon und Chilon waren
Geschichtsproduzenten und Geschichtsschreiber in einer Person
- sie
publizierten unablässig Weisheiten und schufen
gleichzeitig das attische
Imperium. Das war ein Machtkampf, und man kann sich ganz gut
vorstellen, wie
sie über ihre toten Gegner gedacht und gesprochen haben.
Als vor kurzem der Dichter
Stephan Hermlin starb, waren in
manchen Feuilletons Nachrufe zu lesen, die mehr einem Appell glichen,
über den
Toten unter allen Umständen Gutes zu denken, am Guten festzuhalten
und nur das
Gute zuzulassen. Das war gutgemeint, und ein Antifaschist wie Hermlin
verdient
allemal ein würdiges Nachwort auf das, was aufrecht war in seinem
Leben. Das
Problem ist nur, daß diese Texte gleichzeitig ein Denkverbot
verhängt und sich,
mit hämischen Parolen gegen die Kritiker Hermlins, als
Kampfschriften zu
erkennen gegeben haben. Natürlich auch gegen den Journalisten Karl
Corino, der
sozusagen das Pech hatte, einige Monate vor dem Tod des Dichters eine
abgründige, wenn auch literarisch-kunstvoll verbrämte
Lüge in seinem Leben
aufgedeckt zu haben. In Deutschland ist man schnell auf der Seite der
Dichterfürsten - gegen die angeblich skrupellose
„Enthüllungs-Journaille“, und
hier paßte es ausnahmsweise auch ins politisch korrekte Bild.
So weit, so
mittelmäßig. Es geht jedoch zu weit, wenn sich
ein weiterer Dichterfürst, Günter Grass, mit deutlicher
Anspielung auf die
politisch und/oder literarisch motivierten Kritiker Hermlins
zu der Erklärung
ermächtigt fühlt, man habe seinen Freund
„wie ein Freiwild gehetzt“, bis zu seinem Tod sei er nicht zur
Ruhe
gekommen. Das Konto „De mortuis nil nisi bene“ wird hier ein
bißchen überzogen.
Ein Intellektueller, der die eine Hydra dieses Jahrhunderts
bekämpft und mit
der anderen einen - noch so verquälten, insgesamt aber ganz
einträglichen -
Deal macht, muß sich Fragen gefallen lassen. Es sind Fragen, die
auch über
seinen Tod hinausgehen. Fragen, die - unabhängig von der
nicht antastbaren
Würde des Einzelnen - die Geschichtsschreibung und den
Zustand unseres
Gemeinwesens betreffen. Sie müssen zugelassen sein, wenn wir „nil
nisi bene“
nicht einfach mit „Schwamm drüber“ übersetzen wollen.
Klaus
Kreimeier
1997