Glasfasern 57
Projektmanaging
Daß im
mörderischen Produktionssystem der großen
amerikanischen Filmstudios gelegentlich der Zauber eines Wortes oder
einer
Empfindung überlebt und „mehr oder weniger unbeschädigt“ die
Leinwand erreicht,
sei ein seltenes Wunder, „das die Handvoll guter Schriftsteller in
Hollywood
davon abhält, sich die Kehle durchzuschneiden.“ Das
hat Raymond Chandler geschrieben, der sich in den
vierziger Jahren selbst jener kleinen Schar designierter
Selbstmörder zurechnete.
Als Drehbuchautor hat er unter Qualen der Selbstverleugnung
das Kino seiner
Zeit um einige Glücksmomente bereichert und 1945 der
glitzernden Hölle am
Pazifik wieder den Rücken gekehrt: „Was in Einsamkeit und aus dem
Herzen geboren
ist, läßt sich nicht gegen das Urteil eines Konferenzzimmers
voll Sykophanten
verteidigen.“
Eine elitäre Sicht
der Dinge, die sich ein Chandler leisten
konnte - nicht aber der arme schriftstellernde Anonymus, den man
in den
Drehbuchfabriken Hollywoods in einen „Kaninchenstall“ sperrte,
„damit er da
kleine Szenen schreibt, von denen ihm sein Produzent, so ganz
beiläufig
zwischen Telefongesprächen mit seinen Blondinen und seinen
Saufkumpanen,
anschließend sagen wird, daß sie ganz, ganz anders
geschrieben werden müßten.“
Die Zeiten haben sich
geändert; aus den Drehbuchfabriken
sind, hervorgetrieben durch die Anforderungen des internationalen Kino-
und
Fernsehmarktes, Drehbuchautoren-Fabriken geworden. Zum Beispiel jenes
„europaweit expandierende Unternehmen, das Drehbuchlizenzen nach
US-Konzept
erfolgreich produziert und vermarktet“ und derzeit seine Dienste in
Zeitungsannoncen feilbietet, nicht ohne kundzutun, daß man
für die Ausbildung
professioneller Nachwuchsautoren einen „international renommierten
Schriftsteller“ verpflichtet habe. Wie Drehbuchlizenzen
zu produzieren seien, läßt die Anzeige offen - jedenfalls
kommen wohl Drehbücher dabei heraus, der renommierte Autor wird’s
schon
richten, und der Vermarktung wird nichts im Wege stehen, da doch
die
Ausbildung „neben dem schriftstellerischen Studium die Bereiche
Projektmanaging, Vertrieb, Recht und Kaufmännisches
umfaßt.“
Dagegen, daß sich
junge Autoren in diesen nützlichen
Wissenschaften umsehen, ist nicht das geringste einzuwenden, zumal
an guten
Kriminalromanen aus dem Milieu der Projektmanager oder an
Gangsterfilmen über
die Mafiosi des weltweiten Filmvertriebs noch ein auffallender
Mangel besteht.
Eine ganz andere Frage ist, wie die Drehbücher aussehen, die von
einem Autor
erwartet werden, der „vorzugsweise Hochschulabsovent,
innovations-, lern-
und leistungsbereit, analytisch denkend,
teamorientiert, PC fit: WORD 7.0,
max. 35 Jahre, Nichtraucher“ sein und
einen Führerschein der Klasse 3 besitzen sollte.
Chandler meinte in seiner
zeitbedingten, der Magie des Kinos
teils widerstrebenden, teils ihr schon erlegenen Einfalt noch,
eine gute
Filmstory müsse man improvisieren, „so gut man kann, so
detailliert oder
flüchtig, wie die Stimmung es gerade eingibt; man schreibt Dialog
oder läßt ihn
aus, aber sieht zu, daß Handlung und Charaktere zügig
vorankommen, und bringt
das Ding zum Leben.“ Vermutlich ist in der Filmgeschichte so oder
ähnlich eine
größere Anzahl respektabler Drehbücher entstanden. Das
Ding wurde zum Leben
gebracht. Das wird sich nun ändern. Promovierte, leistungsbereite
und WORD
7.0-trainierte Nichtraucher brechen jetzt auf, um dem Ding analytisch
beizukommen, ihm die Innovationen des Projektmanaging zu injizieren und
es, tot
oder lebendig, auf den globalen Markt zu schleudern.
Klaus
Kreimeier
1997