Glasfasern 56
Keine Bewegung
Zeitungslektüre
in der
Eisenbahn; am Abteilfenster gleitet bröckelnder
Industriebarock vorbei,
verfallenes Backsteingemäuer, Lagerhallen mit spitzbogigen
Giebeln,
Bahnwärterhäuschen wie aus einer Novelle von Sudermann. Der
Hinterhof unserer
Städte, Nischen, in denen noch das 19. Jahrhundert lebt. Auch die
Zeitung ist
voller Stillstand. Null-Informationen, die in der um unsere Hirne
schwappenden
„Informationsflut“ daran erinnern, daß auf dieser Welt
genaugenommen nichts geschieht
- es sei denn, daß unsere Erwartung, es möge etwas
geschehen, Nachrichten
hervortreibt, die selbst einem stagnierenden Zustand Explosivität
zuschreiben.
„Keine
Bewegung in den
Verhandlungen zwischen Fujimori und den
Geiselnehmern“ - diese Schlagzeile
gehörte seit Monaten zu solchen Botschaften aus dem Nichts. Da war etwas, aber es passierte nichts.
Die Dinge steckten in einem Zeit-Stau. Was die
Agenturen meldeten, war der Ausfall von Bewegung. In Peru und in der
ganzen
Welt ging das Leben irgendwie weiter, überall sah es so aus, als
tue sich etwas
- nur in die japanische Botschaft in Lima schien ein
Meteorit eingeschlagen,
der die Zeit angehalten, alles Denken und Handeln
stillgestellt und so etwas
wie ein schwarzes Loch ins Weltgeschehen gerissen hatte.
Beinahe hätte man
auf den Gedanken kommen können, im Bündnis mit den
Geiselnehmern wolle uns
Fujimori demonstrieren, daß die Erstarrung das Schicksal
jeglicher Aktivität
und das Ende der Geschichte, ganz nach der
Lehre seines Landsmanns Fukuyama,
auch ihre Erlösung sei. Nun wissen wir, daß dieser
fürchterliche Herrscher nur eine
Variante der Erlösung kennt: das
Massaker, das er von Beginn an planen und vorbereiten
ließ.
Andere
Null-Informationen werden einzig und allein in die Welt gesandt, um
Bewegungen
zu entfachen, die für ein paar Tage darüber
hinwegtäuschen, daß im Kern aller
Turbulenzen der Stillstand längst eingetreten ist. So bei der
Verlautbarung
des Bundeskanzlers, er wolle auch nach den nächsten Wahlen wieder
Bundeskanzler
sein. Die Wirbel, die diese Nachricht in der eigenen Partei und in der
Opposition
ausgelöst hat, steigerten sich nachgerade zu Tornados der
Bewegungslosigkeit.
Zu Verlautbarungs-Orkanen, die durch das Land tobten und nur einen Inhalt wie eine riesige, sich
zu Klumpen verfestigende Staubwolke vor sich herschoben: daß
nichts Neues und
eigentlich überhaupt nichts geschehen sei. Allmählich beginnt
man zu begreifen,
warum dieses Land so unermüdlich danach drängt, weltweit als Standort wahrgenommen zu werden.
An den
Bahndämmen und
zwischen den Gleisen wuchert staubschichtüberzogenes
Grün, Unkrautgrün, das
wie Grind die toten Flächen überzieht und so alt und zäh
ist wie die Epoche,
die mit Eisen und Lokomotiven in das Land einfiel. An manchen Mauern
sind noch
revolutionäre Mai-Parolen aus den siebziger Jahren zu lesen.
Auf den
Bahnsteigen der Provinzbahnhöfe stehen sehr vereinzelt Menschen
und schauen
mißmutig aneinander vorbei in eine ungute Ferne. Die Zeitung hat
ein
Mitreisender
ausgeliehen; inzwischen ist er eingeschlafen.
Es gibt noch
Ereignisse
zwischen Stillstand und Bewegung, über die gründlich
nachzudenken wäre; ihre
Bedeutung wird in der Regel unterschätzt. In Berlin zum Beispiel
wurde der
„Auto-Geher“ Hartmann, der beim Begehen falsch geparkter Autos in
Kreuzberg
einen Blechschaden verursacht hatte, vom Vorwurf mutwilliger
Sachbeschädigung
freigesprochen. Hier ist etwas in Bewegung gekommen. Und in Pisa kam
die
Neigung des schiefen Turms zum Stillstand,
nachdem man ihn mit Bleigewichten behängt hatte.
Tonnenschweres Blei
rettete filigranzarte Architektur; es hielt eine verderbliche
Bewegung auf und
brachte den Turm wieder ins Lot!
Klaus
Kreimeier
1997