Glasfasern
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Netz-Panik
Als
die neununddreißig Mitglieder der „Heaven’s Gate“-Sekte in San
Diego per Video und via Internet von der Welt Abschied genommen hatten,
um sich am Schweif des vorbeigaloppierenden Kometen Hale-Bopp in eine
bessere Welt katapultieren zu lassen, war für einige
baudrillardgeschulte europäische Schnelldenker sofort erwiesen,
daß der digital erzeugte Wirklichkeitsverlust seine ersten
Opfer gefordert hatte und der PC zur Abschußrampe
bildersüchtiger und weltvergessener Silicon-Kids geworden war: Der
Cyberspace als mittelalterliche Totengruft, in die sich moderne
Flagellanten stürzen. In Amerika ging man die Sache neugieriger
und nüchterner an; man beschaffte sich Informationen und
entfesselte eine keineswegs leidenschaftlose, doch an den Fakten
orientierte Debatte - und zu diesem Zweck schaltete man sich erst
einmal ins Internet.
Man belagerte die Server, und in den Diskussionsforen von Yahoo! und
CNN schlugen die Wellen hoch. Webmaster und Programmierer waren
gefragt, um irgendwelche Links zu den Web-sites der Weltflüchtigen
ausfindig zu machen - die waren nämlich hoffnungslos ausgebucht,
nachdem in der TV-News-Show „Today“ die Adresse veröffentlicht
worden war. Bald war von Netz-Panik die Rede, und gewiß fragten
sich viele Surfer beklommen, was von einer Technik zu halten sei, die
erst der Pornographie, dann dem Terrorismus und nun auch dem
religiös inspirierten Massenselbstmord eine virtuelle Heimat und
womöglich sehr realen Zulauf verschaffen könnte.
Kirchenvertreter, Jugendschützer, Psychologen und
Sozialarbeiter erblickten jäh die Nachtseiten der Netz-Welt;
Technokult-Spezialist Erik Davis sinnierte über die
„unendliche und ätherische Natur“ des Web und warnte vor den
„Techno-Barbaren“, die der Maschine eine göttliche Macht andichten
- Macht über die Realität und das eigene Leben.
Doch die Antwort der Netz-Aktivisten blieb nicht aus - sie fanden die
ganze Aufregung ein bißchen übertrieben.
Wissenschaftler, die das Internet als tägliches
Arbeitsinstrument nutzen, schalten die Debatte hysterisch und die
Argumente der Netzgegner seicht. Im übrigen: Als Architekten
digitaler Welten seien die „Heaven’s Gate“-Jünger, was das
Lay-out und das pure Handwerk ihrer Homepages betreffe, eher
Mittelmaß gewesen. Und ihre Sehnsucht, sich zu
dematerialisieren, den Leib wie einen zerbeulten Container zu
verlassen und sich in höhere Sphären zu verflüchtigen,
sei uralt.
Die Technik freilich ist noch jung, und vermutlich sind die Fragen, die
sie aufwirft, noch lange nicht ausgestanden. Ihr geht der Ruf voraus,
sie habe einen kulturellen Bruch herbeigeführt - dies
erklärt, daß nun die Auguren darauf warten, daß
entweder heute oder morgen dieser Bruch manifest wird, daß
gleichsam auf offener Bühne und für alle sichtbar die Welt
zerreißt und die Dinge auseinanderfallen. Und in den Augen
mancher Vordenker wird alles, was geschieht, zum Zeichen
dafür, daß der clash schon eingetreten und die Zukunft
bereits Vergangenheit geworden sei. Doch was wir als Bruch bezeichnen
und mit unseren Hoffnungen oder Befürchtungen besetzen,
unterminiert stetig, mal schneller, mal langsamer, meistens aber
unmerklich die alten Gebäude.
Die digitale Maschinerie ist die erste wirklich ubiquitäre Technik
mit interaktiven Fähigkeiten. Die Dynamik, mit der sie
sich entwickelt, ist schwindelerregend. Gleichzeitig rast die
Entwicklung auf die Jahrtausendwende zu - ein Datum, das wir in guter
oder schlechter, jedenfalls mittelalterlicher Tradition von Tag zu Tag
dringlicher raunend beschwören und mit krausen Erwartungen
behängen. Der Count-down, der keiner ist, ist trotzdem nicht
aufzuhalten. So kommen Elektronik und chiliastische Stimmungen
zusammen und bilden ein brisantes Gemisch, das die einen zum
physischen, die anderen zum intellektuellen Salto mortale animiert.
Klaus
Kreimeier
1997