Glasfasern
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Geisterheere
„Wir
wollen Arbeit!“ skandierten die Bergleute in der Bannmeile vor dem
Bundeskanzleramt, die Bauarbeiter in der Bauwüste am Potsdamer
Platz und die Stahlkocher vor den Glastürmen der Deutschen Bank.
Das „Ende der Arbeitsgesellschaft“
sagen düster blickende Analytiker voraus; auf den Ruf nach
„sozialökologischem Umbau“ antwortet das Donnerwort
„Globalisierung“. Und wie ein Echo, das sich von allen
grummelnden Originalgeräuschen befreit und im blauen Himmel
über dem grauen Alltag selbständig gemacht hat, schwingt sich
aus den Gehegen der mikroelektronischen Konzerne die
Proklamation der „Spaßgesellschaft“ in den Raum, als
habe die Menschheit ganz ohne mühevolle Umwege und unter
Vertagung der proletarischen Revolution den Sprung in Marxens „Reich
der Freiheit“ getan: ein Hüpfer aus dem Geist der
Mikrochips ins klassenlose Paradies.
Die
Slogans liegen wieder einmal auf der Straße und warten nur
darauf, daß sie aufgehoben werden; andere flitzen um die
Hausecken, fallen aus den Fenstern und hacken aufeinander ein,
schwirren mit zerfetztem Gefieder durch die Luft und krächzen vom
Kirchturm ihre grelle Botschaft. Slogans haben die politischen
Kommuniqués, die Leitartikel und Fernseh-Interviews, kurzum: den
„gesellschaftlichen Diskurs“ besetzt. Dort, woher sie kommen,
nämlich auf dem Markt, haben sie ihre Herrschaft längst an
Bilder und „Logos“ abgetreten. Wo die Beschleunigung des
Umsatzes zählt, funktioniert die Welt bereits post-alphabetisch.
Die besten Werbespots im Kino sind inzwischen non-verbal; die Schlacht
der Worte hat die Reklame wohlweislich an ihren
Großkunden, an die Gesellschaft und ihre
„Wortführer“ delegiert.
Der Begriff „Slogan“ stammt aus dem Englischen und hat erst in diesem
Jahrhundert, mit den Werbefeldzügen der Großkonzerne,
die semantischen Umschlagsplätze
erobert. „Slogan“ - ein Kaugummiwort, das mit keiner Silbe
verrät, daß es aus dem gälischen
„sluagh-ghairm“ stammt. Das heißt soviel wie „Kriegsgeschrei“,
aber Elias Canetti hat in „Masse und Macht“ eine abgründigere
etymologische Wurzel aufgedeckt. Danach bedeutet „sluagh“ genaugenommen
„Vielzahl der Geister“, und gemeint waren in der keltischen Mythologie
die Geisterheere der Toten, aller Gestorbenen seit Anbeginn
der Welt, die „in großen Wolken wie die Stare über
das Antlitz der Erde“ fliegen und ihre alten Schlachten immer wieder
von neuem führen müssen. „Die Bezeichnung für die
Kampfrufe unserer modernen Massen stammt
von den Totenheeren des (schottischen) Hochlands.“
In den Slogans nach dem Zusammenbruch der traditionellen Systeme und
dem Schwinden der Utopien ist diese alte Sterbebotschaft plötzlich
wieder virulent. Hoch in den Lüften über den
demonstrierenden Arbeiterheeren von Thyssen-Stahl hallt es wie Geschrei
aus einer anderen Epoche und verhöhnt die Heutigen als
Nachzügler einer längst verlorenen Schlacht. Die
Globalisierung liegt hinter uns, und es
sieht so aus, als breche der Kapitalismus nicht zu neuen Ufern,
sondern zu einer Parforcetour zurück in seine Anfänge
auf. In den Slogans vermischt sich die Nach-Moderne mit dem
frühen 19. Jahrhundert. Doch es war kein Wort, sondern ein
Bild, das die Situation zur Allegorie werden ließ. Ein Foto
zeigte den Krupp-Chef Cromme, schutzsuchend hinter dem
Panzerglas-Portal seiner Hauptverwaltung, die Augen fassungslos
aufgerissen: als erblicke er - nicht die meuternde Masse, sondern
ein Gespenst.
Klaus
Kreimeier
1997