Glasfasern 48
Danse
macabre
Selbst wenn man den Bayern
einräumt,
daß ihre Uhren schon immer etwas anders gingen als die anderer
Mitteleuropäer,
ist die ideologische Mobilisierung des „Bayernkuriers“
in Aktionseinheit mit
Neonazis gegen die Ausstellung über die Verbrechen
der Wehrmacht
wahrscheinlich nicht als eine Zusammenrottung
„Ewiggestriger“ abzutun.
Peter Gauweiler zum Beispiel, Vorsitzender der Münchner CSU, hat
sich wohl
gesagt, man könne nicht ewig im Gestern leben, sondern müsse
sich ganz neue,
also heutige, das heißt: post-moderne Perversionen
einfallen lassen, um als gemeingefährliche
Quasselstrippe, die es mit jeder Schreinemakers aufnehmen
kann, ein
gebührendes Feedback zu finden - und sei es nur im
beifälligen Gegröl eines
alkoholdunst- und tabakrauchgeschwängerten Münchner
Bierzelts.
Jan Philipp Reemtsma,
Gründer des
Hamburger Instituts für Sozialforschung, solle seine
Millionen, so Gauweiler,
nicht für die Verunglimpfung deutscher Soldaten ausgeben,
sondern besser für
eine Ausstellung „über die Toten und Verletzten, die der
Tabak angerichtet
hat, den er verkauft hat.“ Solche Mischung von Rabulistik und
Infamie, um sich
schlagender Dummheit und Beifallssucht wird ja, seitdem der
gesellschaftliche
Diskurs an Leute wie Karl Dall und Harald Schmidt delegiert wurde,
„Streitkultur“
genannt.
Auch der ehemalige
Liberale Manfred
Brunner, heute Obersturmführer eines „Bundes freier
Bürger“, muß sich irgendwo
zwischen „Focus“, RTL und SAT.1
gewähnt
haben, als er in dem „Tribunal über tote Soldaten“ eine
rot-grüne Machenschaft
witterte, mit dem die Linke nur dem „eigenen Tribunal über
Hunderttausende ermordeter
ungeborener Kinder“ entkommen wolle. So schlagen im
Talkshow-Alltag die Fundamentalisten
eines mit intellektuellen Brechstangen und Vorschlaghammern bewaffneten
medialen
Dauerkrachs aufeinander ein.
Dem „Bayernkurier“
schließlich gelingt
es, die Entführung Reemtsmas, Morddrohung inklusive, als
Mediensensation noch
einmal auszubeuten und, in Gestalt einer versteckten Warnung, zum
durchaus
angemessenen Mittel der politischen Auseinandersetzung zu
nobilitieren,
wenn er dem Hamburger Mäzen rät, nicht dem Trugschluß
zu verfallen, „daß
jemand, der von anderen Unrecht hat leiden müssen, sich
dergestalt einen
Freibrief für andere Abscheulichkeiten erworben hätte.“
Wäre das alles nur
faschistoides
Gepolter von gestern und nicht (auch) Ausgeburt einer von Konkurrenz,
Quotenwahn und Polit-Entertainment in absurde Spiralen getriebenen
Medienkultur, könnte man die Münchner Querelen dem Staub im
Bayerischen
Staatsarchiv überantworten. Aber Gauweiler,
„Bayernkurier“-Redakteur Florian
Stumfall und die anderen Vortänzer eines neuen Danse macabre
rechtsreaktionärer
Spielart eifern ja jenen Hoffnungsträgern nach, die - Hess
und Heydrich im
Hirn - sich von Schwabings Boutiquen einkleiden lassen und nur aus
optischen
Gründen nicht als Skinheads herumlaufen.
Ihr Hexenmeister,
Kanzler-Aspirant
Edmund Stoiber, turnt derweil im Internet herum und produziert
Erkenntnisse,
die ihm nur ein völlig verquerer Mausklick
verschafft haben kann. Die
Dynamik des Internets für Gesellschaft und Politik sei nicht
zu übersehen -
aber „insbesondere vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte“ sei
das Netz
doch irgendwie, na ja, igitt. Die „Zunahme direkter Demokratie“
führe zur
„Stagnation in der Politik“. Für die notwendige Bewegung
sorgen, in der nach
ihr benannten Hauptstadt, unterdessen die Gauweilers.