Glasfasern 47
Wortkultur
Ein Kollege,
ein gefragter Experte auf seinem
Gebiet, hat einen Schwur getan, keine
Rundfunkinterviews mehr zu geben. Sie zahlen keine Honorare mehr,
knurrte
er und zog sich mit finaler Miene hinter
seine Bücher zurück. Schlagartig wurde mir die Relation
zwischen der
Wortschwemme im Radio und der Sparökonomie in den Honorar- und
Lizenzabteilungen, zwischen den verbalen Katarakten rund um die Uhr und
dem
Wirken der Rationalisierungsstrategen in den Anstalten des
öffentlichen Rechts,
kurzum: das intime Verhältnis zwischen Wortkultur und Rotstift
klar.
Die
Sparprogramme erschöpfen sich keineswegs in
purer Ökonomie. Es geht darum, einen kulturellen Paradigmenwechsel herbeizuführen, und es leuchtet ein,
daß sich
das traditionelle Flaggschiff unserer Medienkultur, die ARD, auch in
dieser Entwicklung
an die Spitze setzt.
Es gibt Worte
und Wortreihen, die bezahlbar, und
solche, die unbezahlbar sind. Bezahlbar, will sagen:
honorarpflichtig ist in einer Gesellschaft,
die auf Geben und Nehmen basiert, zum Beispiel jegliche
Leistung, der die
berühmte Würde der Arbeit attestiert wird. Ein
redender Experte war nach
diesem, inzwischen antiquierten, Verständnis ein arbeitender
Experte. Es gab
eine stillschweigende Übereinkunft darüber, daß er in
seine Rede nicht nur
seine Eloquenz, sondern auch Bildung, erarbeitetes Wissen, kritisches
Vermögen,
schöpferische Phantasie, mithin den Schweiß des edlen
Spezialarbeiters
investierte. In den Verträgen wurde seine Leistung - wie
altfränkisch auch
immer, doch eben auch mit altfränkischem Sachverstand - als
„Werkstück“
klassifiziert. Das Honorar entsprach der Rechnung für eine
gute Mahlzeit und
wurde von beiden Seiten als tragisches, aber unvermeidliches Schicksal
hingenommen.
Ganz anders
verhält es sich mit den Worten und
Wortreihen, die unbezahlbar sind - unbezahlbar schon darum, weil sie in
Gottes
freier Luft herumschwirren, gleichsam ein Bestandteil der
Atmosphäre sind und
daher vollkommen unfaßbar wären - gäbe es nicht die
hochsensiblen Mikrofone der
ARD, vornehmlich ihrer Kulturabteilungen, die überall
dort aufgebaut sind, wo immer gerade geredet,
das heißt: verbale Veräußerungen als flüchtige
Nebenprodukte abgesondert, Worte
und Wortreihen sozusagen nebenher, als genuscheltes Fragment
oder
verhaspelter Ausbruch in das jeweilige ökologische
Umfeld entlassen werden.
Es liegt auf der Hand, daß in dieser gerede-schwangeren, von
verbalen
Ejakulationen nachgerade überquellenden Ökologie das Reden
vom Reden nicht mehr
zu unterscheiden, das Wort nur als Reflex anderer Worte und der
Experte, mit
seinem Bemühen um Konstruktion, überhaupt nicht mehr
auszumachen ist, weil
schließlich jeder, der zufällig an einem Mikrofon
vorbeikommt, irgendwie, letztlich
aber doch: ein Experte ist.
„Plapperradio!“
rufen die entsetzten Kulturkritiker. Vielleicht aber arbeiten die
Hörfunkchefs
der ARD - die man ja neuerdings nicht zufällig Wellenchefs nennt
und sich wohl
als Surfer auf Tonschwingungen vorstellen muß - an einer ganz
neuen akustischen
Dimension. Es geht, letztlich, nicht ums Sparen, sondern um eine
bisher unbearbeitete
Sphäre bestimmter Schallfrequenzen, die irrtümlicherweise mit Sinnerwartungen befrachtet wurden,
womöglich aber nichts anderes als das Rauschen einer sich
vergeblich abmühenden,
vergeblich nach Artikulation suchenden Menschheit sind. Jeder
brabbelt so vor
sich hin - zusammengenommen aber ist alles Schall und Rauch, auf- und
abschwellendes Murmeln, das ebenso unerschöpflich wie unbezahlbar
ist. Auch
mein Kollege, der sich hinter seine Bücher verkrochen hat,
murmelt ja weiter
vor sich hin.
Klaus
Kreimeier
1997