Glasfasern 46
Immer mehr
„Wir sind
rund um die Uhr für Sie erreichbar“, verspricht mir ein
Versandhaus für
Oberbekleidung in seiner Postwurfsendung. Tag & Nacht für Sie
da - auf
Wunsch mit individueller Modeberatung. Eine Vermehrung an
Aufmerksamkeit, die
mit zwanzig Mark berechnet wird, weil der Verkäufer dem Kunden
suggerieren
kann, er verkaufe ihm einen Zugewinn an Zeit. Schließlich ist ein
„24-Stunden-Lieferservice“ eine Einrichtung, die im alten
Wunschtraum
wurzelt, man könne dem Faktor
Zeit -
ohnehin nur ein Modus des Denkens, eine philosophische Konstruktion -
ein
Schnippchen aus dem Geist der cartesianischen Korpuskel-Lehre
oder der
Leibnizschen subjektiven Wahrnehmungen schlagen. Im realen, von
Geburt und Tod
eingegrenzten Leben indessen stellen wir in aller Regel fest, daß
wir Zeit nie
gewinnen, immer nur verlieren können - wir
müssen sie uns selbst
(weg)nehmen, erst recht, wenn wir auf die Idee verfallen sollten,
mitten in der
Nacht zum Telefonhörer zu greifen, um uns einer individuellen
Modeberatung zu
unterziehen.
Die
Warenproduktion hat, jedenfalls in den industriell entwickelten
Gebieten dieser
Erde, jene kritische Phase erreicht, in der sich der weitere
ungezügelte Ausstoß
materieller Güter als ebenso hirnrissig wie unverantwortlich
erweisen könnte,
hätten die Konzerne nicht die Aura des Immateriellen erfunden.
Immer mehr
Gegenstände verstellen Raum und Zeit, die auf diese Weise selbst
zu lebensnotwendigen
Kategorien der Warenwirtschaft geworden sind. Die Überlegung ist:
wir brauchen
den neuen Pullover nicht, aber wenn wir ihn im
24-Stunden-Lieferservice
bestellen, „gewinnen“ wir immerhin etwas Zeit. Autos wären
womöglich gar nicht
mehr zu verkaufen (einfach weil schon zuviele herumfahren),
verspräche nicht
die Industrie gerade das, was es seit der Erfindung des Automobils
und vor allem
seit seiner Vermehrung auf den Straßen nicht mehr gibt:
Sicherheit. Ein Trick,
der auf dem Weg vom Produzenten zum Bewußtsein des Abnehmers
eine Inversion
durchläuft: der Erwerb eines Gegenstands wird zum Vorwand
für die Selbstsuggestion,
in den Besitz eines immateriellen Gutes zu gelangen, das seit der
Existenz eben
dieses Gegenstands vom Markt verschwunden ist.
Die
Bewußtseinsindustrie stürmt dieser Entwicklung mit einer
Doppelstrategie voran.
Die besinnungslose Vermehrung kultureller Güter erfährt
ihre Apotheose im
Verschwinden der Kultur, die sich in Bytes auflöst und im „Netz“
wiederaufersteht:
in der Verheißung, daß nichts mehr greifbar vorhanden, aber
alles abrufbar und,
wichtiger noch, miteinander verbunden sei. Datenströme erweisen ja
ihre
Qualität allein darin, daß sie immer schneller
zugänglich und tendenziell unendlich
multiplizierbar sind.
Im Netz
fällt die Produktion des Überflusses auf das
glücklichste mit seiner permanenten
Verflüchtigung zusammen - ein Gesetz, das sich im traditionellen
Kulturbetrieb,
im Verlagswesen zum Beispiel, eher tragisch auswirkt. Kein Verlag
könnte mit
dem Slogan werben: „Wir produzieren immer mehr Bücher, aber
keine Sorge, sie
verschwinden auch immer schneller im Ramsch.“ Die
öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten
begehen derzeit die Verrücktheit, mit „mehr Programm“ zu
werben - als gäbe es
irgendwo noch eine freie halbe Minute, in die man noch mehr
Hörfunk oder
Fernsehen stopfen könnte. Sie sollten sich mit den
Versandhäusern verbünden,
die immerhin darauf gekommen sind, wie man Zeit schinden kann.
Klaus
Kreimeier
1997