Glasfasern 40
Denk-Kabinett
Im Africana-Museum am Market
Square in Johannesburg findet der Besucher die lebensgetreue
Nachbildung eines
weißen Südafrikaners der fünfziger Jahre. Die
blonden Haare straff
zurückgekämmt, die langen Beine in Kniestrümpfen und
burischen Shorts von sich
gestreckt, sitzt er in seinem Sessel, in den Händen die
aufgeschlagene „Daily
Mail“, den Blick starr auf einen Artikel über die Suez-Krise
gerichtet. Neben
sich ein Transistorradio, aus dem Dudelmusik ertönt. Der Besucher
kann um den
Mann herumgehen, ihm in die stahlgrauen Augen blicken und über die
Schulter in
seine Zeitung sehen. Ein Medienkonsument im Apartheidsstaat, drei Jahre
vor dem
Massaker von Sharpeville, das zur Initialzündung für einen
jahrzehntelangen,
qualvollen Weg in die Freiheit - oder, realistischer ausgedrückt:
in eine
halbwegs normal funktionierende Demokratie mit
menschenwürdigen Gesetzen
wurde. Um den Hals hat der Erfinder der Installation dem
weißen Mann ein
Schild gehängt: „What is he thinking?“
Was haben sich die Nutznießer
eines verbrecherischen Gesellschaftssystems dabei gedacht, sich bei dem
Elend,
das ihre Anwesenheit anrichtete, nichts zu denken? Die Frage scheint so
rhetorisch wie die Antwort naheliegend. Nimmt man sie
wörtlich, Wort für Wort,
versinkt man jedoch schnell ins Grübeln und sucht vergeblich
nach Auskünften
in der einschlägigen Literatur. Eine Forschungslücke ist zu
verzeichnen. Zu
wenig offenbar wissen wir bis heute darüber, was in den
Hirnwindungen solcher
Leute vorgeht, die Gesetze machen, sie verschärfen oder
abmildern - je
nachdem, welchen größtmöglichen Vorteil sie daraus
ziehen. Leute, die sich die
Folgen ihrer Gesetze ansehen und, nach getaner Arbeit, sich der
Zeitungslektüre zuwenden, dem Transistorradio oder dem
Fernsehgerät (das in
Südafrika übrigens erst in den siebziger Jahren
eingeführt wurde, weil man
sich den Blick der Welt ebenso wie ihren Anblick vom Leibe halten
wollte).
What are they thinking? Die Frage
ist geeignet, gesetzestreuen Staatsterroristen in der ganzen Welt um
den Hals
gehängt zu werden - nur fehlen bislang die Museen, die den Mut
hätten, sie als
Exponate aus- und zur öffentlichen Diskussion zu stellen.
Vermutlich aber
werden die bestehenden Wachsfigurenkabinette nur falsch genutzt.
Denkbar wäre
es ja, sie aus Gedenkstätten vergangener Gruseltaten in
Stätten des Nachdenkens
über die Gedanken gegenwärtiger Schreibtischtäter
umzuwandeln. Statt Jack the
Ripper oder Marie Antoinette also zum Beispiel Herrschaften wie
Slobodan
Milosevic oder Suharto, nicht zu vergessen die illustren
Geschäftsträger jener
angeblich zivilisierten Staaten, die sich nicht entblöden, mit den
Mördern und
Wahlfälschern in aller Welt im kritischen Dialog zu bleiben.
Gerade an sie wäre
besonders deutlich die Frage zu richten, was sie sich eigentlich dabei
denken.
Schlußfolgerung:
in jedes Nationalmuseum gehört eine Ecke für den
„weißen Mann“, den
durchschnittlichen Repräsentanten der
jeweiligen politischen Klasse. What is he thinking?
1996