Glasfasern 39
Umwälzungen
Daß der
Geschäftsführer der Magic Media Company
in Hürth bei Köln einen Bruder hat, der seinerseits als
Geschäftsführer einer
Kran-Firma seines ebenso segensreichen wie tiefschürfenden Amtes
waltet, ist
von nachgerade überwältigender Sinnfälligkeit,
seitdem zumindest im
linksrheinischen Erftkreis nicht mehr zu übersehen ist, daß
die elektronischen
Medien, die sich dem Vernehmen nach vor längerer Zeit mit der
Produktion und
Distribution von Kulturgütern beschäftigt haben sollen, ihre
Tätigkeit
zunehmend auf die Verschiebung geologischer Erdschichten und auf
den Umbau der
Landschaft verlagert haben. Die Magic
Media Company ist, jeder weiß es, der größte
Full-Service-Dienstleister am Platz - es fragt sich nur, an
welchem, denn
nun, da die Firma den Beschluß gefaßt hat, von Hürth
nach Köln-Ossendorf
umzuziehen, gerät die Geographie westlich des Rheins vollkommen
durcheinander;
wahrscheinlich müssen die Atlanten einer Revision unterzogen
werden.
Der
Erftkreis hat schon manches erlebt, nicht zuletzt die seit über
hundert Jahren
das Land aufrollenden und unterpflügenden, Berge versetzenden und
Dörfer
verpflanzenden Tagebau-Aktivitäten der Firma Rheinbraun AG. Jetzt
haben die
Menschen, die trotz alledem noch immer in diesem Winkel leben, die
Chance, zu
staunenden Zeugen neuer geologischer Umwälzungen in ihrer Heimat
zu werden -
oder, um es sachgerecht auszudrücken, einer Umformatierung ihrer
Landschaft im
Zeichen der Medienindustrie. Denn nicht nur hat sich der Kohlekonzern
Rheinbraun
zu einem europaweit agierenden Energie-
und Telekommunikations-Riesen entwickelt - darüberhinaus
verfügt er auch
über Anteile an der besagten Kran-Firma des Bruders des
Geschäftsführers eben
jenes Medienunternehmens, das sich jetzt noch Magic Media
Company nennt und demnächst Magic Media Cologne
heißen wird. Klar, daß Braunkohle und Kräne
zusammengehören. Neuerdings gehören aber auch Medien und
Kräne zusammen - auf
so schwindelerregende Weise, daß immer unklarer wird, ob
sich nun die
Energieindustrie auf Software oder die Medienindustrie auf die
allerhärteste
Hardware verlegt hat.
Dreh- und
Angelpunkt ist, wie gesagt, der simple Umzug der Medienmagiker,
der
gleichermaßen die lokalen Banken, einen Immobilienkonzern und
eine Gesellschaft
für Stadtentwicklung in Atem hält - eine Kooperation, die
wiederum in der
Landeshauptstadt Düsseldorf eingestylt
wurde, unter der Schirmherrschaft des Wirtschafts- und (geheimen)
Medienministers Wolfgang Clement, der bisher zwar tatenlos der
Abschaffung des
Düsseldorfer Filmmuseums zusieht, der Bewegung umfangreicher
Erdmassen jedoch
seinen Segen nicht verweigert, wenn es um die großräumige
Verwandlung der
Landebahn eines ehemaligen Flughafens in einen
Produktionsstandort geht, der wiederum interessierte
Investoren anlocken und zur Integration von
Supermarkt, Restaurant, Kneipen und Friseur führen
wird. Zwar mangelt es in Köln und um Köln herum keineswegs an
Supermärkten,
Restaurants, Kneipen und Friseuren - nur dürften zum ersten
Mal die Kräne von
Rheinbraun in Bewegung gesetzt und eine Landebahn umgebaut werden,
um deren Integration zu bewerkstelligen.
Von einem
Ende des industriellen Zeitalters kann also mitnichten die Rede sein.
Neu
aufstrebende Branchen, deren Produkte immer mehr in den Nebel magischer
Nichtigkeiten entschwinden, halten Stadtentwicklung und
Landschaftsplanung in
Schwung, verschaffen Kranführern Lohn und Brot und betreiben die
Neuansiedlung
von Friseuren. Die fröhliche Allianz von Braunkohle und Braunscher
Röhre sorgt
dafür, daß inmitten des rasenden Stillstands, der mit den
neuen Medien über das
Land hereingebrochen ist, das normale Leben nicht nur weitergeht,
sondern sich
um komplexe Zentren gruppiert, sogar
mit verbessertem ÖPNV-Anschluß.
(Zitate: comcologne, Branchendienst Kommunikation, Kultur, Medien)