Glasfasern 33
Stimmig
Doch, doch
- er habe schon überprüft, ob die „Geschichten stimmig“
seien, so definierte
Günther Jauch, ehemals Chefredakteur bei RTL, als Zeuge im
Prozeß gegen den
Bilderfälscher Michael Born sein Verständnis von
journalistischer
Sorgfaltspflicht. Die „Verifikation“ freilich habe er den
zuständigen Redakteuren
überlassen.
Wer
Geschichten erzählen will, läßt sich auf ein heikles
Metier ein. Geschichten
müssen „stimmen“, damit sie „ankommen“. Das beginnt mit dem
Witzeerzählen: das
Gelächter belohnt nur den, der es versteht, eine Geschichte so zu
erzählen, daß
sie heimtückisch, verdeckt, aber zielstrebig auf die Pointe wie
auf eine Bombe
zutreibt. Kinder sind besonders erbarmungslos im Aufdecken von
Fahrlässigkeiten, die beim Geschichtenerzählen unterlaufen.
Sie unterbrechen
sofort, wenn etwas nicht „stimmt“.
Vermutlich
begann des Elend des Journalismus bereits mit seiner Erfindung an der
Schwelle
zu unserer Neuzeit, als eine Meute von windigen und neugierigen Leuten
aufbrach, „Zeitungen“ genannte Geschichten über Ereignisse und
Zustände der
weiten Welt unter die Leute, das heißt auf die Dörfer zu
bringen. Ihr
Geschichtenerzählen stellte Zusammenhänge her, auch wenn
diese Zusammenhänge in
der „Wirklichkeit“ gar nicht existierten. Aber die Geschichten selbst
hatten
ihre „Stimmigkeit“. Jede Geschichte fügte ihrem Material etwas
hinzu, damit sie
„stimmte“ und aufgeschrieben oder weitererzählt werden konnte. Aus
der
narrativen Kunst, Zusammenhänge herzustellen, die es nicht gab,
entstanden
Welt-Bilder: Anschauungsweisen, Ideen und Ideologien, die uns bis in
unser
spätes Jahrhundert heimsuchen.
Heute
stimmt nichts mehr, aber unser Hunger nach stimmigen Geschichten ist
grenzenloser denn je. Radikale Autoren antworten auf diesen
unerträglichen
Widerspruch mit dem Rückzug ins Schweigen. „Man kann nicht einfach
drauflosschreiben und künstlich Zusammenhänge herstellen“,
sagt Ilse Aichinger,
die seit 1985 keinen Satz mehr veröffentlicht hat.
Journalisten
können sich solche Radikalität nicht leisten. „What’s the
story?“ - diese
Devise verfolgt sie bis in ihre Träume und martet sie bei jedem
Satz, den sie
in ihre Laptops tippen. Aber das Elend der Welt ergibt keine Story. Was
derzeit
(zum Beispiel) in Zentralafrika geschieht, besiegelt das Ende der
Vorstellung,
daß sich die Entwicklung der Menschheit in kausallogischen
Schritten vollzieht,
die man als Geschichte konstruieren und in vielen einzelnen Geschichten
plausibel erzählen könnte. Die Reportagen aus dem
östlichen Zaire sind Fetzen
einer journalistischen Utopie: Verfallsprodukte jenes großen
Projekts, geschichtenerzählend
den Gang der Dinge in dieser Welt zu durchleuchten und
allgemeinverständlich
Ursache und Wirkung, Wesen und Erscheinung zu sondieren.
Eine
Geschichte stimmt dann, wenn der Zuschauer ihr folgen kann: so
formuliert Jauch
das Gesetz des Fernseh-Journalismus. Schon immer verführte dieses
Konzept zur
Fälschung: zur Deutlichkeit in
undeutlicher Zeit, zu Dramaturgien des Erzählens, in denen das
Publikum sein
Verständnis von zusammenhängenden Abläufen und
identifizierbaren Akteuren
wiedererkennt. Die technologische Entwicklung und der Konkurrenzdruck
in der
Medienindustrie verschärfen nur ein Problem, das seit der
Erfindung des
Nachrichtenwesens existiert. Zweierlei kommt zusammen: ein wachsendes
Bewußtsein dafür, daß es weder Sinn noch Kohärenz
gibt - und die
Fingerfertigkeit der Sinnstifter, mit technischen Tricks und
stereotypen Sätzen
Geschichten zu fabrizieren, die schon darum „stimmen“, weil sie uns
über die
Abgründe hinweghelfen.