GLASFASERN 31
Hochrangig
Ein hoher Beamter des Auswärtigen
Amtes, mit Kulturfragen befaßt, ein renommierter Professor der Medienwissenschaft und der ehemalige
Leiter eines bedeutenden Goethe-Instituts diskutieren im Radio
über auswärtige
Kulturpolitik. Der Moderator möchte zum einen herausfinden, ob
überhaupt und
wenn ja welche Zielsetzungen das Ministerium für Auswärtiges
mit seiner Kulturpolitik
verfolgt; zum anderen, welchen Rang diese Zielsetzungen in einer Zeit,
in der
„wirtschaftspolitisch der Zwang zum Sparen angesagt“ ist, beanspruchen
dürfen;
drittens schließlich, welche Kulturpolitik in der Ära der
globalen
Medienvernetzungen sinnvoll sei. Er türmt seine Fragen kunstvoll
übereinander
und bemüht sich, sie besonders kompliziert zu formulieren - aber
das ist gar
nicht nötig, denn die drei Diskutanten sprechen sowieso ihre je
eigene Sprache
und sind fest entschlossen, immer nur dann hinzuhören und alsbald
loszusprudeln, wenn ein Stichwort fällt, das ihnen in den
Kramladen ihrer um
das je Eigene brodelnden Gedanken paßt.
Der ehemalige Institutsleiter ergeht sich in blumigen Schilderungen der „Magnetwirkung“, die seine Einrichtung und andere deutsche Stützpunkte in der offenbar von ihm mitregierten (west)europäischen Hauptstadt auf die einheimische Bevölkerung ausgestrahlt haben. Der Vertreter des Auswärtigen Amtes kann sich nicht fassen vor Glück darüber, daß „unsere deutsche Kultur“ nach der Wiedervereinigung „ihren früheren Platz in Mitteleuropa“ wiedererlangt habe und nunmehr ein legitimes Interesse zeige, den ihr gebührenden Einfluß auf die „östlichen Nachbarn“ auszuüben. Der hochdotierte Professor schwärmt etwas geistesabwesend von einem glanzvollen Symposion internationaler Top-Medienwissenschaftler in New York und gibt im übrigen zu Protokoll, der Computer habe alle anderen kulturellen Errungenschaften ohnehin überflüssig gemacht. Der frühere Institutsleiter beeilt sich daraufhin zu versichern, sein Haus habe „natürlich“ eine „Homepage“ ins Internet „gesetzt“; der Regierungsbeamte übertrumpft ihn noch mit der Bemerkung, die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes sei „schon lange“ mit einer Homepage präsent, länger jedenfalls als andere Regierungseinrichtungen.
Der offizielle und der offiziöse Kulturrepräsentant haben sich damit vor dem Piloten der Postmoderne halbwegs rehabilitiert. Bleibt noch die Frage des Geldes. Hartnäckig gräbt der Moderator einen alten Artikel von Enzensberger aus: der habe doch schon vor Jahr und Tag auf das lebhafteste beklagt, daß die deutsche Kulturpolitik im Ausland, jedenfalls die der Goethe-Institute, unterfinanziert und ihre Autonomie beschnitten sei. Ist genug Geld da? Indigniert erklärt sich der Medienprofessor für unzuständig und gibt die Frage an das Auswärtige Amt weiter - mit einem Unterton, dem zu entnehmen ist, daß ihn Etatfragen langweilen, weil er sie zumindest in seinem Hause nicht kennt. Der Kulturbeamte versichert mit urplötzlichem Schmelz in der Stimme, die Haushaltsexperten des Bundes seien „in geradezu rührender Weise“ bemüht, sogar „rührender als je zuvor“, den Belangen der Kultur Genüge zu leisten, wann immer sein Herr und Meister, der Außenminister persönlich, auf die Bedeutung von Kunst und Wissenschaft zu sprechen komme. Der Moderator bohrt weiter unnachsichtig im Enzensberger-Text herum, doch die Rührung hat auch den beiden anderen die Sprache verschlagen.
Den einen rührt vermutlich der Gedanke an seine Pension, den anderen die Vorfreude auf das nächste internationale Symposion. Fazit: wenn drei hochrangige Kulturleute, von denen ein jeder mit sich selbst hochrangig zufrieden ist, über Kultur und Kulturpolitik streiten, kommt zwar kein Gespräch zustande, dafür jedoch das Gesamtbild einer hochrangigen deutschen Kultur, in der alles schon darum zum Besten stehen muß, weil gegen kompakte Selbstzufriedenheit kein kritisches Kraut gewachsen ist.
Klaus
Kreimeier
1996