GLASFASERN 30
Kino-Tod
„Jetzt
funkt’s im Autokino“, melden die Anzeigen der Drive-in-Kinos. Die
Besucher
können den „Digital Dolby Stereo Sound“ von Emmerichs Independence
Day oder Schwarzeneggers Eraser nun auch
über Funk in ihrem Autoradio empfangen. Während
vorn auf der Leinwand die Welt zu Bruch geht, wird das eigene Auto, je
nach
Ausstattung, zum mehr oder minder terroristischen
Resonanzraum der in diesem
Fall unvermeidlichen Detonationen, die nur als Katastrophen für
das Hörorgan
ihr Qualitätssiegel als Produkte der Digitaltechnik rechtfertigen.
Ein Gag aus Independence Day (die Amerikaner erleben
die Vernichtung ihrer Metropole wie das Publikum in einem Autokino)
findet
seine Verlängerung in der
Wirklichkeit.
Natürlich
kann man aus dem Auto springen und einfach davonlaufen; für den
Parkplatz hat
man schließlich bezahlt. In diesem Punkt sind
Drive-in-Theater bequemer als
normale Kinos, in denen man sich erst durch die Sitzreihe
hindurchquetschen und
Entschuldigungen murmeln muß, bevor man den rettenden Ausgang
erreicht. Das
Ende der Kinematographie jedenfalls - im Jahre 101 nach der ersten
Filmvorführung und 67 Jahre nach Einführung des Tonfilms
sei dies abschließend
festgehalten - hat mit der Erfindung des Dolby-Raum-Tons begonnen. Die
Erfinder
wissen nicht, was sie zugrundegerichtet haben, und die Filmkritiker,
sofern sie
sich überhaupt jemals damit befaßt haben, nehmen sich dieses
Themas nicht mehr
an.
Der
Kinoraum ist eine magische Zone, ein ins Dunkel gesenktes
Niemandsland, in dem
nichts geschieht - außer den Gedanken, Gefühlen und
Phantasien, die in den
Köpfen der Zuschauer vorgehen. Die Augen der Zuschauer sind auf
die Leinwand
gerichtet, auf die ein Projektor Ereignisse aus Licht und Schatten
wirft. Ein
zauberisches Bild, dessen Magie darin besteht, daß es nicht nur
die
Aufmerksamkeit unserer Augen, sondern die unserer ganzen
Wesenskräfte begehrt
- daß es uns in seine Welt hineinsaugt und (wenn der Film
funktioniert) bis zum
Ende nicht entläßt. Alles, was „passiert“, geschieht im
Erlebnisfeld dieses
Vierecks, das die Leinwand beschreibt und in einen Erlebnisraum
verwandelt. Als der Tonfilm erfunden wurde, gab es - neben
vielen anderen Problemen - die Schwierigkeit, die Sprache der
Menschen und
Dinge mit diesem „flachen Raum“ der Leinwandereignisse in eine
räumliche und
zeitliche Übereinstimmung zu bringen. Das Problem wurde
gelöst.
Der
räumliche Ton hat nicht nur den Film, sondern das Kino vernichtet.
Er will den
Zuschauer zu einer Simulation verführen, die im Kino nicht
funktionieren kann.
Die Übereinkunft lautet: der Mensch im Kino sei nicht mehr der
verzaubert
träumende, in eine hellwache Trance versunkene Zuschauer,
sondern ein aktiv-passiv reagierendes Nervenbündel, das
„mitten im Geschehen“ zappeln soll. Seitdem hören wir das
Getrappel der Pferde,
die vorn auf der Leinwand vorbeirasen,
irgendwo hinter uns aus dem Foyer durch die Mauern ins Kino
hereinbrechen - und
das Keuchen des Mörders, der dem Opfer das Messer an die Kehle
setzt, vernehmen
wir gleich neben uns, wo der in heller Auflösung befindliche oder
in Tiefschlaf
versunkene Nachbar sitzt. Da hocken wir nun und warten apathisch
auf den
nächsten Geräusch-Orkan, der uns überrollen wird,
ohne daß wir imstande sein
werden, ihn mit dem, was zu sehen
ist, in eine raumlogische Verbindung zu bringen.
Das Kino
ist tot - auch wenn die nächsten 100 Millionen Dollar teuren
Digital-Ereignisse,
die sich noch immer Filme nennen, vor der Tür stehen. Das Kino ist
tot, weil
seine Relationen, seine inneren Dimensionen, seine Ökonomie der
Sinne zerstört
wurde. Nicht „der Kommerz“ an sich (der die kinematographische
Phantasie so oft
stimuliert und bereichert hat), sondern eine blinde
Geschäftstüchtigkeit, die
sich des Machbaren bedient, weil es
machbar ist, hat das Kino umgebracht.
Klaus Kreimeier
1996