Glasfasern
27
Vertrauen
Die „Wahrheit des Bildes“ dürfe nicht
auf der Strecke bleiben, hat Bundesforschungsminister
Rüttgers kürzlich, zur
Eröffnung der „photokina“, gemahnt. Angesichts der unbegrenzten
Manipulierbarkeit der technischen Bilder mittels digitaler
Bearbeitung und
Veränderung sei es ein „Auftrag“ der Medien, sich ihrer
„Verantwortung“ bewußt
zu werden und das Prinzip der „Wahrhaftigkeit“ nie und
nimmer aus dem Auge
zu verlieren. Dem Bild glaube man, hat er zuversichtlich
hinzugefügt; ein Bild
flöße „Vertrauen“ ein; was es zeige, gelte als „wirklich“
und „wahr“.
Es könnte allerdings sehr schnell dahin
kommen, daß niemand mehr „den Bildern glaubt“. Daß wir
alle, ob vor dem
Fernsehschirm, im Kino oder am Computer, uns zynisch in einem
Universum der
Falsifikationen einzuquartieren beginnen, während uns
die Ermahnungen der
„Verantwortlichen“, bei der Wahrheit zu bleiben, buchstäblich
als Pfiffe in
den Ohren gellen: als Pfeifen im Walde nämlich, das jetzt
diejenigen anstimmen,
die den ganzen digitalen Zirkus in Gang gesetzt und qua
Gesetzgebung
abgesichert haben.
Vor einiger Zeit sprach ich mit einem
bekannten, erfolgreichen Dokumentarfilmer, der einst mit
seinen Filmen die
Welt grundlegend und radikal verbessern wollte und heute mit der
Einrichtung
einer elektronischen Bilderfabrik auf der jeweils neuesten (das
heißt: im
nächsten Jahr bereits überholten) technischen Grundlage
beschäftigt ist; auf
Kongressen propagiert er, vollkommen realistisch, das Internet als
neues
Leitmedium. Ich fragte ihn, was seine digital erzeugten Bilder
eigentlich noch
wert seien. Bei seiner Antwort wußte ich nicht, ob ich
erbleichen oder erröten
sollte. Seine Auskunft war: VERTRAUEN. Die Leute sollen
seinen Bildern
schlicht und einfach „vertrauen“.
Offensichtlich leben wir in einer Zeit,
in der diejenigen, die sich berufen fühlen, etwas in Bewegung zu
setzen,
genauso daherreden wie die Konzernbosse, die ihnen das Geld geben, und
die
Politiker, die die erforderlichen Gesetze zimmern. Das warme,
einschmeichelnde,
ans Gewissen appellierende, zutiefst deutsche Wort „Vertrauen“
erleichtert
ihnen das Geschäft.
Die
englische Sprache ist, nicht nur in diesem Punkt, bei weitem pfiffiger.
Zur
Zeit wirbt die Firma Scientology in einem britischen Kommerz-Sender mit
dem
Donnerwort TRUST für mehr Vertrauen zu ihren Umtrieben. Das
Problem für
Scientology ist nur, daß sich bei diesem Begriff
ein jeder sein Teil denken, das heißt zum
Beispiel
auch an ein Kartell, an einen „Ring“, an Macht und Geld und fiese
Machenschaften
denken darf.
Mein
Dokumentarfilmer vergaß natürlich nicht, den Begriff „Ethik“
hinzuzufügen. Das
ist, in der Tat, der Kern des Dilemmas: Wir müssen, auf
Teufelkommheraus, eine
neue Ethik aus dem Boden stampfen, sonst geht alles schief. Das gilt
für die
digitalen Bilder ebenso wie für die Atomkraft nach Tschernobyl,
für die
Gen-Technologie ebenso wie für die Plastik-Chips, die sie uns
neuerdings in unsere
Körper hineinpraktizieren wollen.
Machbar ist
das alles schon; die Frage ist nur, wie wir - als organische,
nicht-digitale
Wesen, wie wir nun einmal konstruiert sind - diesen ganzen Kram
verkraften
werden. Konsequenterweise ist man darauf gekommen,
„Ethik-Kommissionen“ ins
Leben zu rufen, sobald sich abzeichnet, daß sich aus der
technischen Entwicklung
ganz neue, unvorhergesehene Schwierigkeiten ergeben. Die
Ethik-Kommissionen
werben verständlicherweise um unser Vertrauen. Aber
vielleicht sollten wir
mit diesem wertvollen Kapital, das so schnell erschöpft ist, etwas
geiziger umgehen.
Klaus Kreimeier
1996