GLASFASERN 26
Deplaziert
Der Fall zeigt nicht nur, wie weit
wir uns inzwischen von Schiller entfernt haben, der sich von der
ästhetischen
Erziehung der Münchner S-Bahn-Benutzer durch
Müllers Graffiti zweifellos auch
eine Anhebung ihres sittlichen Niveaus versprochen hätte.
Nachdenklich stimmt
der Richtspruch auch hinsichtlich der Frage, was es mit der Kunst und
ihrem
„Platz“ eigentlich auf sich habe, ob und wieviel Platz ihr
zuzubilligen sei -
und ob unsere Angewohnheit, sie auf die Plätze (nämlich die
ihr zustehenden) zu
verweisen, nicht überhaupt ein großer Schmarrn ist.
Alles muß seine Ordnung haben,
logisch. Daß für parkende Autos Parkplätze geschaffen
wurden, ist sinnvoll; es
gibt sowieso keine mehr. Gerade die
Verkehrsentwicklung hat ja die
Platzfrage für die Kunst neu aufgeworfen - in München
bezüglich der S-Bahn, auf
der Kunst keinen haben soll, und in anderen Städten bezüglich
der Kathedralen,
die von ihren Erbauern so hingestellt wurden, daß sie seit
Jahrhunderten
jeder rationalen Verkehrsentfaltung im City-Bereich den Platz
versperren. Trotzdem ist noch niemand
auf die Idee
gekommen, die Gotteshäuser abzuräumen - etwa mit
der Begründung, es handle
sich um Kunst, die im Stadtzentrum keinen Platz habe.
Es
gibt allerdings Ausnahmen - so hat sich Ulbricht, was Kirchen angeht,
als
Sprengmeister betätigt; und in Köln hat man den Dom mittels
Untertunnelung und
Verplattformung seiner Umgebung so maßgerecht „angehoben“,
daß die Autos nicht
mehr an ihm zerschellen und auch nicht um ihn herumfahren müssen.
Im übrigen
ist sich der gesittete Teil der Menschheit jedoch darin einig,
daß man die Kirche
im Dorf, will sagen: im City-Kern, das heißt: möglichst
dicht an den Einkaufszentren
lassen soll. Schon den Touristen zuliebe, die in die Kathedralen
hinein-, an
den Warenhäusern aber möglichst nicht vorbeilaufen sollen.
Womit
wir wieder bei Schiller und bei der Tragik des nunmehr vorbestraften
Sprayers
Müller wären. Seine Kunst bringt nichts ein, sie ist
zweckfrei schön. Sie ist
nicht besonders gottesfürchtig, und als Wegweiser zu den
Konsumzentren kann man
sie auch nicht verwenden. Da sie immerhin Kunst, also das Gegenteil von
„Schmiererei“
ist, würde sie der Staatsanwalt wohl gern ins Museum, das
heißt auf ihren
rechtmäßigen Platz verweisen. Gerade dort wäre sie nun
freilich total deplaziert.
Klaus
Kreimeier
1996