GLASFASERN 18
Schaustellen
„Die
Baustellen werden zu Schaustellen“, verkündet der Regierende
Bürgermeister von
Berlin, und in einer dicken Werbeschrift seiner Senatsverwaltung
für Bauen,
Wohnen und Verkehr wird dem Besucher ein hauptstädtischer Sommer
mit „Bühnen,
Bauten, Boulevards“ versprochen. Die bunten Prospektseiten sind wie die
Symbolleisten auf dem Bildschirm eines Computers angeordnet;
unwillkürlich
sucht die Hand nach der Maus, um auf die vielen
Mini-Bildchen, Befehlsmenus und Dialogfelder zu klicken. Aber
man hat
nur eine simple Senats-Broschüre
vor
sich, deren Gestalter sich angestrengt darum bemüht haben, mit dem
Lay-out
einer „Info-Illustrierten“ zu wetteifern.
In
den noch verbliebenen Textfeldern erfährt man, was einem auf der
„Schaustelle
Berlin“ in diesem Sommer so alles passieren kann. Zum Beispiel auf der
Baustelle Jüdisches Museum: Die schachtartigen Hohlräume
„verkörpern den für
immer vernichteten Teil der großen jüdischen Kultur Berlins.
Der außen in
voller Gebäudehöhe vor das Museum gestellte hohlräumige
Turm steht für die
Vernichtung im Holocaust. Der Ausgang des Grundgeschosses ins Freie
führt in
den schräggestellten `Garten des Exils`. Wer sich dort
aufhält, hat das Gefühl,
den Boden unter den Füßen zu verlieren.“
Zumindest die Senatsprosa macht möglich, was sich wohl
manche der
Auftraggeber von Daniel Libeskinds Bau erhoffen: die Geschichte der
Juden in
einem Aufwasch, die ganz plötzlich entstandene Leere als
Hohlkörper, der Holocaust
zum Anfassen und das Exil als Schwindelgefühl. Freier Zutritt ohne
Anmeldung,
Treffpunkt am Baustellenschild Lindenstraße 14.
Dabei genügt es, in den „Info-Box“ genannten
Container am Potsdamer Platz zu klettern, um den Boden unter den
Füßen zu
verlieren: ein Pfahlbau wie aus dem Legobaukasten, fünfzehn Meter
über dem
durch einen Bundestagsbeschluß angerichteten Chaos. Kein Zweifel,
das Chaos
wird Gestalt annehmen, aber die Gestalt wird von der Vergangenheit
vorgegeben
sein. Preußentum und Faschismus haben die
überdimensionierten Areale markiert
und die Fundamente in den Erdboden gerammt. Der Bombenkrieg hat
das Terrain
aufgewühlt, aber er hat die Strukturen der Macht nicht verwischen
können, die
hier der Landschaft eingeschrieben wurden - und die schon jetzt das
postmodern
verzierte Babylon von morgen formen. Anmutige Plätze, lauschige
Winkel können
an diesem Ort nicht entstehen.
Die Galerie
Lafayette, Lindencorso, die neue Friedrichstadtpassage: Zwingburgen der
Nach-Wende-Epoche, gläsern oder mit „spielerisch“ aufgelockerter
Fassade.
Aber wer das riesige Gelände
Leipziger/Ecke Wilhelmstraße abschreitet, wo einmal das
preußische Kriegsministerium,
später Göring als Herr der Luftwaffe und noch später die
Treuhand hauste, und
dann unter den düsteren Mauern des ehemaligen preußischen
„Herrenhauses“steht,
fragt sich beklommen, was einmal aus Waigels Finanzministerium werden
soll.
Allzu wuchtig ist das alles - seltsam der Wirklichkeit entrückt
und
gleichzeitig unüberwindbar. Gegenwart und Zukunft können
Schnörkel anbringen,
den Baugrund untertunneln, die alten Verliese mit Glaskuppeln
überwölben. Aber
schon Speer wußte: Berlin kann man nicht kleinbauen, es
läßt sich nur vergrößern,
gegen alle Vorschläge der Vernunft.
Diepgen hat
recht und unrecht, wenn er sagt, Berlin sei eine Stadt, deren Schicksal
es ist,
„stets zu werden und nie zu sein.“ Berlin ist:
Was einmal war, scheint untilgbar.
Seit mehr als hundert Jahren kommen wir an diesem Monstrum, an diesem
Problem
nicht vorbei. Aber noch immer gilt auch, was Siegfried Kracauer Ende
der
zwanziger Jahre spürte: „In den Straßen Berlins
überfällt einen nicht selten
für Augenblicke die Erkenntnis, das alles platze unversehens eines
Tages
entzwei.“ Schon aus diesem Grund muß Berlin, kann nur Berlin
unsere Hauptstadt
sein.
1996