GLASFASERN 15
Programmreform
In den letzten Satz des
Wortbeitrags - Originalton Berti Vogts über den Sinn oder Unsinn
des „golden
goal“ bei entscheidenden Fußballspielen - schwappt schon die
nächste Musik;
auch für die Grübeleien eines Bundestrainers bleibt nicht
viel Zeit.. Aber es
ist nur die Ankündigung einer Musiksendung, die unvermittelt von
einer anderen
Akustik, Klängen aus dem Keyboard, überlagert wird. Die
wiederum sind
Hintergrundgeräusch für den Wetterbericht und setzen sich
fort unter den folgenden
Nachrichtenschlagzeilen, die so knapp gehalten sind, daß man die
anschließenden
Verkehrsdurchsagen beinahe verpaßt hätte, weil die Gedanken
noch beim Fußball
sind. Die Musik zieht ihre Schleifen, überschwemmt die Worte,
beschleunigt das
Tempo und bringt die Sprecherstimmen ins Galoppieren, bis
das Programm
plötzlich in eine Sound-Hölle hinabstürzt, die
sich Hit-Parade nennt -
ein orkangepeitschtes Klang-Meer, auf dessen Schaumkronen
Trendmeldungen,
Werbespots, das Geplauder des Moderators und seine Telefonate mit den
Fans
dahinsegeln.
Radiohören ist wie
Autofahren -
die Musik ist das konstante, mal monoton summende, mal hochtourig
jaulende
Motorengeräusch, und von Fall zu Fall gibt es Verkehrshindernisse.
Das sind
sind die letzten, noch immer musikfreien Wortbeiträge. Sie sind zu
untergehenden Inseln geworden. Mittlerweile purzeln die wenigen Worte,
die man
im Radio noch braucht, fast von selbst in die Musik-Kaskaden - oder sie
verweben sich zu einem zweiten
Klangteppich, einem fliegenden Teppich aus verbalsprachlichen
Codierungen eben jener Gefühlszustände, die auch die Musik
illustrieren,
evozieren, paraphrasieren, jedenfalls vom frühen Morgen bis in die
Nacht in
unser Gehirn spülen will.
Die Ränder
zerfransen; die alten
Grenzen, die uns unsere Kultur eingetrichtert hat, lösen sich auf.
Im Fernsehen
gibt es noch Spielfilme, aber sie werden nur wegen der Werbung
gesendet. Also
gibt es auch keine Spielfilme mehr - oder nur noch solche, die so
konstruiert
sind, daß die vertrauten Demarkationslinien zwischen Kunst und
Kommerz,
zwischen Spielfilmhandlung und Werbespot verschwimmen. Es gibt noch
Fußball,
aber unversehens taucht der Bundeskanzler im Trainingscamp auf. Man
weiß nicht
mehr so genau, woran man ist, oder vergißt einfach, in ein
anderes Programm zu
schalten. Und über dem Nachspann liegt schon die Ankündigung
des nächsten
Films. Wer ihn sehen will, muß sich durch Reklame, die Vorschau
auf eine
Talkshow oder den Hinweis auf eine Expedition ins Tierreich
hindurcharbeiten.
Ausgerechnet das Avantgarde-Programm „Arte“ hat es in dieser
Ankündigungs-Dramaturgie, zwischen acht und neun, am weitesten
gebracht.
Folglich muß sich etwas in den Fundamenten unserer Kultur
verändert haben.
Kulturgeschichte war lange
Zeit
eine Geschichte der ordnungschaffenden Gliederungen - einleuchtender
Dramaturgien, die mit Inhaltsverzeichnissen, Kapitelüberschriften,
Theatervorhängen, Pausenzeichen, wohlformulierten Ansagetexten und
ähnlich
sinnvollen Schemata gearbeitet hat, um uns eine Übersicht
über das Angebot zu
ermöglichen. Diese Ordnungsmuster funktionieren offenbar nicht
mehr, die
schönen Einteilungen stürzen wie Kartenhäuser zusammen.
Musik- und
Wortprogramme vermischen sich zu einem akustischen Pudding, Kunst ist
Werbung
und Werbung Kunst, Politik mutiert zu Unterhaltung, der Wetterbericht
zur Show
und die Show zu ihrer Parodie. Die Ästhetik der
Präsentation, zum Kundendienst
degradiert, ist moralisch flexibel und stellt mal für diese, mal für
jene
Botschaft ihre perfekt eingeschliffenen Versatzstücke, ihre
unmotiviert
girrenden, erotisch vibrierenden Stimmen bereit. Alles verschwimmt,
alles ist
nur - Programm.
Dem Anhänger eines
strukturierten
Weltbildes mag solches Formengeschlinge als Gipfel medialer Unzucht
erscheinen.
Man könnte die Medienwelt aber auch als gallertartigen Ozean
begreifen, wie ihn
Stanislaw Lem in „Solaris“ beschrieben hat, als einen amorphen Kosmos,
durch
den unablässig Blitze der Erkenntnis zucken.
Klaus
Kreimeier
1996