Von ihm stammt eines der
wahrhaft großen Filmbücher des letzten Jahrhunderts: „Die Ufa Story“,
publiziert im Hanser Verlag 1992, zum 75. Geburtstag des Filmkonzerns:
sorgfältig recherchiert, brillant in der Analyse, glänzend geschrieben. Es
gehört zu den wenigen deutschen Filmbüchern, die ins Englische, Französische
und Japanische übersetzt wurden.
Der Autor, Klaus Kreimeier
(* 1938) ist Filmhistoriker und Medienwissenschaftler. Sein Lebens- und
Berufsweg verlief kurvenreich: Dr. phil., Fernsehdramaturg, Kulturredakteur
beim „Spiegel“, freier Autor, Dozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie
Berlin. Das war dann schon die Zeit der sogenannten K-Gruppen, und er fand
seine Heimat bei der KPD-ML (oder war es die KPD-AO?).
Sein Buch „Kino und Filmindustrie in der BRD“ (1973) war damals nicht nur für
mich ein ärgerliches ideologiekritisches Pamphlet. An der Universität Oldenburg
verlor er seine Professur auf Grund des Radikalenerlasses, in Osnabrück
habilitierte er sich als Medienwissenschaftler, im hessischen Marburg wurde
seine Berufung dann aus politischen Gründen abgelehnt. Erst 1997 kam er zu
einer späten Professur in Siegen. Die verdiente Anerkennung als Autor fand
Klaus Kreimeier vor allem in den achtziger und neunziger Jahren als Mitarbeiter
der „Frankfurter Rundschau“, der „Zeit“, der „taz“, mit einem Buch über
afrikanische Literatur, mit großen Texten für die „Reihe Film“ und mit jener
berühmten „Ufa-Story“, an der er fünf Jahre gearbeitet hat. Das war, sozusagen,
sein großer Roman. Wie gut er auch in der Kurzgeschichte ist, beweist uns die
Anthologie „Prekäre Moderne.“
23 Texte aus den
vergangenen zwanzig Jahren versammelt dieser Band. Die Auswahl folgt einer
eigenen Chronologie und beginnt mit einer sehr individuellen Hommage an das
Kino: wir begleiten den siebenjährigen Jean-Paul Sartre ins Lichtspieltheater
des Jahres 1912 und sehen – auf der Basis seiner autobiografischen Erinnerungen
– Helden wie FANTOMAS und MACISTE. Das stimmt uns ein auf Kreimeiers
Reflexionen über das Staunen und das Lachen im Kino, über den Besuch des
deutschen Kaisers bei seinem habsburgischen Kollegen in Wien 1910 mit dem
gemeinsamen Gang ins Kinematographentheater („Die doppelte Verdoppelung der
Kaiser-Ikone“) und über die Anarchie der Marx Brothers. In sieben Porträts
skizziert der Autor dann in bewundernswerter Präzision Marlene Dietrich und
Conrad Veidt, Erich von Stroheim, Friedrich Wilhelm Murnau und Fritz Lang
(zugespitzt auf seine deutschen Filme), Reinhold Schünzel und Karl Hartl, dem
er eine verdiente Ehrenrettung angedeihen lässt. Drei spezielle Diskurse sind
dem Regisseur Richard Oswald, dem NIBELUNGEN-Film von Lang und dem Ufa-Film
WEGE ZU KRAFT UND SCHÖNHEIT gewidmet. „Übergänge“ heißt die verbindende
Überschrift für Texte über Pabsts L’ATLANTIDE, Buñuels WÜRGEENGEL, Godards A
BOUT DE SOUFFLE, Harun Farockis frühe Filme und die Kameraarbeit in Romuald
Karmakars TOTMACHER. Zu Klaus Kreimeiers großen Qualitäten gehörte schon immer
sein aufmerksamer Blick auf Bruchstellen in der Filmgeschichte: technische,
politische, ökonomische. So finden wir im letzten Kapitel der Textsammlung zwei
Essays über die „Kino-Ikonografie im Fernsehen“ und über das Verhältnis
zwischen Film und Computer: alte Bilder – „neue Bilder". Und, ganz am
Ende, bedenkenswerte Überlegungen zu einer Fotografie von Paul Strand: ein Blick
auf die Wall Street aus dem Jahr 1915.
Im Mittelpunkt steht bei
allen Texten das Konkrete, das Sichtbare. Es geht um Bilder (auch mal um Töne):
wie sie entstehen, wie sie montiert und rezipiert werden. Es wird dabei immer
die Zeit bedacht, aus der die Bilder (Filme) stammen und in der sie von
Künstlern und Handwerkern geschaffen wurden. Kreimeiers Horizont ist weit, sein
Stil brillant. Er verirrt sich nie in definitorischen Labyrinthen, er ist kein
Beckmesser und schon gar kein Schwadroneur. Das bescheinigt ihm auch Karl Prümm
in seinem zugeneigten Vorwort, in dem es um die bewundernswerte Fähigkeit des
Autors Klaus Kreimeier geht, das Sehen in Sprache zu übersetzen.
Hans Helmut Prinzler